Das Ende der „Austauschreligion“?

Fragen an Kardinal Marx

Von Clara Rosgartner

Eine glaubenstreue Freundin bestärkte mich darin, auf Kardinal Marx‘ Äußerungen zur Lage der Kirche und dem möglichen Anbeginn einer „neuen Epoche des Christentums“ einzugehen. So verlautbart in einer Predigt vom 15. September, die in Auszügen einer Mitteilung der Pressestelle des Erzbistums  München und Freising zu entnehmen ist. Kardinal Marx feierte den Gottesdienst in München zusammen mit Pater Michael Bordt SJ, Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership an der Hochschule für Philosophie München, in der Reihe „Denken & Beten“.

Auch wenn in der kurzen Pressemitteilung nicht alle Zitatkontexte klar werden, so lassen doch die Kernaussagen keinen Zweifel am Vorwärtspreschen des Kardinals, ungeachtet selbst der aktuellen Stoppschilder aus Rom im Hinblick auf den „Synodalen Weg“ in Deutschland.

„Es geht nicht nur darum, das und jenes zu verändern“, wird Kardinal Marx zitiert. „Es geht darum, neu voranzugehen und die alte Austauschreligion zu beenden, die in unseren Köpfen und Herzen stark geblieben ist: Da ist jemand, dem muss ich etwas geben.“

Ach, Herr Kardinal, viele Gläubige wissen noch darum, dass der Herr ihnen wahre Hirten geschickt hat, die Seine Schafe weiden und sie auf dem einen rechten Weg der Wahrheit und des Lichts leiten. Der Wahrheit und des Lichts? Beim Lesen des eigentümlichen Terminus „Austauschreligion“ kamen mir da Zweifel. Denn Ihre Erklärung entspricht keineswegs dem, was wir glauben. Gott ist in die Welt gekommen für uns alle, und ohne Vorleistung hat Er unsere Sünde getragen und uns durch den Kreuzestod erlöst. Im Glauben werden wir dieser Erlösung teilhaftig. Der Mensch muss sich entscheiden. Aber wir handeln nicht mit Gott, da ist kein „do ut des“, kein „Ich muss Gott etwas geben, damit er mich erhört oder mir etwas gibt“, und auch die Vorstellung unseres Herrn und Erlösers, der sich hinstellt und eine Gegenleistung für den Kreuzestod erzwingen will, ist absurd. Ich mag nicht glauben, dass Sie es so gemeint haben könnten. Oder etwa doch?

„Wie können wir heute noch von Gott sprechen? Was wird kommen in den westlichen Ländern, in Europa, nach der Zeit, in der wir vielleicht zu selbstverständlich und oberflächlich das Wort ‚Gott‘ im Mund geführt haben?“ Eine Frage, die Sie mit den Worten des tschechischen Soziologen und Religionsphilosophen Tomáš Halík beantworteten: „Eine lange, lange Reise in die Tiefe.“  Auch bei diesem bedrohlichen Bild bestünde Erklärungsbedarf.

Schließlich sprechen Sie auch vom Glaubensverlust und der Instrumentalisierung  der Religion: „Religion, auch das Christentum, wird neu benutzt für politische und kulturelle Identität, die man sonst nicht gewährleisten kann. Es wird Sicherheit gesucht, indem man sich auf die religiöse Tradition beruft – wobei der Glaube selbst relativ unwichtig ist, er ist ein Instrument.“  

Sicher, die Gefahr der Instrumentalisierung ist groß, zumal in Zeiten tiefsten Glaubensverlustes. Aber genau da sollte die Kirche ansetzen. Sie erkennen es doch selbst: Gerade im Westen, in Europa, zeigt sich, dass politische und kulturelle Identität ohne ihre Wurzeln im christlich-jüdischen Glauben nicht tragfähig ist. Ist es da richtig, in den Synodalforen auch noch die letzten Äste und grünen Blätter abzuschlagen, damit der Baum gar nicht mehr austreibt? Also genau das infrage zu stellen, was die katholische Kirche als die eine Kirche Jesu Christi, als Sein mystischer Leib, den Menschen als Seine Wahrheit verkünden sollte? Auch gegen die herrschende Meinung, auch gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen und moralischen Libertinismus. Es gibt kein Stromliniendesign für die Kirche! Die zehn Gebote sind in Stein gemeißelt, der Katechismus ist keine Staatsverfassung und die Kirche ist auch kein Wunschkonzert, bei dem sich Frauenorganisationen oder ein Teil der Laien über das ZdK einfach mal so die Frauenordination wünschen können. Warum nur haben Sie und die meisten Bischöfe den alternativen Entwurf für die Tagesordnung des „Synodalen Wegs“ verworfen, den der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und der Bischof von Regensburg Rudolf Voderholzer eingebracht haben?  Dort wäre die Glaubenskrise in den Blick genommen und dem von Papst Franziskus eingeforderten „Primat der Neuevangelisierung“ entsprochen worden.

Sie verweisen weiterhin auf eine wachsende Fundamentalisierung auch im Christentum. „Fundamental heißt: Wir brauchen keine Lehre von Gott, kein Denken, keine Aufklärung. Man muss dann eben glauben, fertig.“ Dann werde Kirche zu einer Institution, „die um sich selbst kreist und alles weiß, keine Fragen mehr braucht, keine Beratung, keine Wissenschaft“.

Wieviel Kritik an auch in Ihren Augen rückständigen, konservativen lehramtstreuen Katholiken impliziert diese Fundamentalismuskritik? Sie betonen schließlich im selben Atemzug, der Verdunkelung die Aufklärung entgegenzusetzen:

 „Wir beten und denken, denken und beten, ein denkendes Gebet und ein betendes Denken. Beten ist Aufklärung, nicht Verdunklung, nicht Verengung.“ Es solle den Menschen nicht „klein machen, sondern ihn frei machen zum eigenen Denken, dazu, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren“.

Nein, Herr Kardinal, nein, Beten ist nicht Aufklärung, Beten ist menschliches Hintreten vor den personalen christlichen Gott. Und doch, Herr Kardinal, doch, Beten macht den Menschen klein, der Mensch macht sich selbst vor Gott klein und geht ehrfürchtig auf die Knie.

Wenn ich bete, öffne ich mich ganz, versuche ich mich ganz zu geben, muss ich von mir und meinen Wünschen abstrahieren, selbst wenn ich um etwas flehentlich bitte, was kein Widerspruch ist, wenn ich mich in Seinen Willen fallen lasse. Ich kann nur wahrhaft hingebungsvoll glauben und aus dem Glauben heraus beten, weil die gottgegebene Gnade der Vernunft uns Menschen, Seinen Geschöpfen, Seinem Ebenbild den Sprung in den Glauben an eben diesen unseren Schöpfer als etwas zutiefst Vernünftiges machen lässt. So erfahre ich Glauben und Gebet als tiefe Beziehung der Liebe zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Vater und Kind.

Herr Kardinal, Ihren Weg kann ich nicht mitgehen, und es wäre gut, Sie nähmen endlich zur Kenntnis, dass ich darin nicht die einzige bin und dass sich Kritik am „Synodalen Weg“, seiner thematischen Ausrichtung und Maria 2.0 nicht auf traditionalistische Kräfte eingrenzen lässt, die kirchlichen Fundamentalismus schüren, die Zeichen der Zeit nicht erkennen und kirchliche Sexualmoral,  sakramentales Priestertum und den Zölibat nicht zur Disposition stellen wollen. Lesen Sie, wofür die Neue katholische Frauenbewegung steht, für die ich hier schreibe!

Beim Jahresempfang des Erzbistums am Mittwoch, 3. Juli, in München sprachen Sie vom Epochenwandel, in dem die Kirche sich befinde, vom Voranschreiten.  Sie wollten dort sein, „wo ein pilgerndes Gottesvolk ohne Angst weitergeht und die Möglichkeiten Gottes entdeckt, die größer sind als das, was wir uns in einer langen Geschichte zurechtgelegt haben“. Ja, wir wünschen, dass auch Sie als Hirte Ihre Schafe führen. Aber wir haben uns in der Geschichte nichts „zurechtgelegt“, sondern wir wollen Lehramt und Tradition in deren Eigenschaft als Offenbarungsquelle folgen. Und wir gehen ohne Angst weiter, weil wir nicht wie Sie „auf Sicht fahren“, wie Sie ja selbst betonten, sondern weil das Licht unseres Herrn den dicksten Nebel durchdringt und wir Ihm entgegengehen. Die entscheidende Gewissheit haben wir in Jesus Christus und im Fiat – „Mir geschehe nach Seinem Wort“ – seiner Mutter Maria.

Wir wollen nicht weltfremd sein und uns auch nicht der Welt entfremden, aber wir lassen uns auch nicht verweltlichen, sondern wir versuchen, im Glauben und Seinem Wort gehorsam in die Welt hineinzuwirken, in Familie  und Beruf und an all den Orten, an die uns der Herr gerufen hat.

Beitragsbild: Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay

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