Saturday for life in Berlin

… und hoffentlich every day for life everywhere

Ein Rückblick auf den Marsch für das Leben in Berlin von Ursula Zöller

Berlin, 21. September. Ein moderner, eindrucksvoller Bahnhof; gegenüber im Sonnenlicht und gar nicht so weit weg die Glaskuppel des Reichstags. Schön sieht es aus. Die Gruppe meiner Freunde ist zur selben Zeit wie ich gelandet. Treffen können wir uns jetzt dennoch nicht, denn die Polizei will sie sofort sicher an den Gegendemonstranten vorbei geleiten. Der Marsch für das Leben ruft Jahr für Jahr viele aggressive Gegner auf den Plan.

Jetzt gibt es eine Absperrung an der schmalen Brücke über die Spree. Rechts der Block der Gegendemonstranten. „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat“ schreien sie im Takt. Der Staat und das Patriarchat verwehen ein bisschen im Wind, nur ihr „Kein Gott“ ist klar zu hören und tut weh. Was denken sich diese Leute nur? Ihr Schlachtruf scheint vorgegeben – offenbar muss man den Schreiern sagen, was sie rufen sollen. Es sind dumme Parolen der Ewiggestrigen. Die 68iger lassen grüßen.

„Kein Gott, kein Staat…? Ich mag einen anderen Ruf, dem wunderbaren Schatz der Psalmen entnommen: Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Es langt am Absperrgitter zu sagen, dass ich zum Marsch für das Leben möchte. Ein freundlicher Polizist öffnet das Gitter – Überspringen also nicht nötig.

Dann nach etwa 1000 Metern noch einmal eine Absperrung. Nach und nach, sehr zügig, dürfen wir  passieren. Auf der Tribüne wird bereits gesprochen. Ob sie schon Grußworte verlesen haben? Es wären wohl zu viele. Aber Papst Franziskus hat eines geschickt – vielleicht, meint Frau Linder lächelnd, ist er im nächsten Jahr ja mit dabei -, der Apostolische Nuntius Erzbischof Eterović dankt den Teilnehmern ebenso wie Kardinal Marx, Kardinal  Woelki, Metropolit Augostinos, einige katholische und evangelische Bischöfe. Einige Abgeordnete und – nebenbei und in Klammern – die Neue katholische Frauenbewegung, für die auch ich heute hier stehe, erklären sich solidarisch. Bischof Voderholzer ist hier, Bischof Ipolt, Bischof Oster und die Weihbischöfe Heinrich und Wörner sind unter uns, Bischof Voigt von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz. 

Bischof Oster dankt auf der Tribüne allen, die gekommen sind. Stellen Sie sich vor, sagt er, Sie zeigen jemandem das Ultraschallbild, das Ihre Mutter damals von Ihnen machen ließ. So wie Sie von ihren Fotos als Schulkind oder als Jugendlicher sprechen, werden Sie auch hier nicht sagen, das ist ein Zellklumpen. Sie werden sagen, das bin ich. Das Kind im Mutterleib ist nicht etwas, es ist immer jemand!

Irgendwann während der vielen sehr beeindruckenden Statements stürmen ein paar Störer das Podium. Polizisten in Zivil sind sofort zur Stelle und bringen sie weg. Alles bleibt ruhig und gelassen. Die Menschen sind unaufgeregt, freundlich, fröhlich wie ihre bunten Luftballons. Mehr Lebensschützer als je zuvor sind an diesem „Saturday for life“ nach Berlin gekommen, halten viele weiße Kreuze in den Händen und Plakate mit Kinderbildern. Einige dieser Kinder haben Trisomie 21; es sind nette Bilder von strahlenden, offenbar glücklichen Kindern.

Wie viele solcher Bilder werden wir in Zukunft noch sehen, wenn der neue kassenfinanzierte Bluttest zu noch mehr Selektion Behinderter führen wird?

Was die Menschen heute am meisten beeindruckt? Vielleicht der Poetry Slam von Katharina Otto. „Aller guten Dinge sind drei“ nennt sie ihn und spricht von Kindern mit dem einen Chromosom zuviel. Vielleicht ist es aber auch der Bericht der Krankenschwester, der man sagte, dass ihr zweites Kind mehrfach behindert sein würde; ihr Kampf um dieses andere Kind, um sein Überleben als extreme Frühgeburt und sein Leben jetzt als geliebter Teil der Familie. Vielleicht beeindruckt aber doch am meisten der Bericht über die krebskranke schwangere Frau, der die Ärzte dringend zu einer Abtreibung raten, um sie behandeln zu können. Doch es gibt ein Medikament, dessen Wirkstoff nicht in die Plazenta dringt und sich deshalb auch nicht auf die ungeborenen Zwillinge der Mutter auswirken wird. Sie nimmt dieses noch recht unbekannte Medikament, der Vater und die anderen Kinder werden nahe der Klinik untergebracht, damit sie viel beieinander sein können. Als die Zwillinge schließlich geboren werden sind sie völlig gesund – und der Krebs der Mutter ist verschwunden. Aufatmen der Zuhörer und dann noch einmal tosender Beifall.

Bevor sich der Zug der 8.000 auf die etwa fünf Kilometer lange Strecke des Marschs in Bewegung setzt stimmen die Menschen noch über fünf Forderungen an die Politiker unseres Landes ab:

Stoppt Abtreibungen! Stärkt schwangere Frauen und Familien! Rüttelt nicht am Embryonenschutzgesetz! Investiert unsere Steuergelder statt in Gentestes vor der Geburt, die zu Abtreibungen führen, in Forschungen, die dem Leben dienen! Stoppt den ärztlich assistieren Suizid!

Wir sind noch nicht weit gegangen als der lange Zug der Lebensschützer ins Stocken gerät. Ganz vorne, dort wo wir schon nichts mehr erkennen können, an einer Brücke über die im Sonnenlicht glitzernde Spree, geht es nicht mehr weiter. Lange stehen wir da – eine Stunde oder mehr vielleicht – in der sich nichts bewegt ausser den Ausflugsschiffen auf der Spree. Zeit für Gespräche und das ein oder andere stille Gebet. Vorne, das erfahre ich später, singen die vielen jungen Menschen, die Eltern mit ihren Babys auf dem Arm oder im Kinderwagen, die Rollstuhlfahrer, die Menschen, die sich mit ihren Gehhilfen auf den langen Weg gemacht haben und alle die hier Zeugnis geben, „Großer Gott wir loben Dich“. Als ich früher als die anderen zu meinem Zug muss weiß ich nicht wann es für sie wohl weitergehen wird.

Wieder an einer Absperrung ist zunächst kein Durchkommen. Ein Polizist meint ich solle hierbleiben, wenn ich mein Gesicht nachher noch erkennen wolle. Und ja, da vorne brüllen sie wieder ihren Frust über Gott und die Welt und die Lebensschützer – ein Wort, das für sie ein Schimpfwort ist – hinaus.

Natürlich möchte ich gerne unverletzt den Tag in Berlin überstehen, aber mein Zug wird nicht auf mich warten. Schließlich wird ein Polizist zu meiner Begleitung abgestellt. Ob er gestern, während der Demonstration der Fridays for future-Leute auch Dienst hatte? Er habe frei gehabt, sagt er, habe aber doch wieder Überstunden machen müssen.

Fridays for future? Every day for life haben wir von der Neuen katholischen Frauenbewegung in unserem Grußwort zum Marsch für das Leben geschrieben. Denn alle Menschen, geboren oder ungeboren, jung oder alt, gesund oder krank haben zuallererst ihr unverzichtbares Recht auf Leben. Nur so haben wir Zukunft. Every day for life!

Foto mit freundlicher Genehmigung von Martin Sandmann

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