Das wahre Bild der Kirche im Amazonasgebiet Teil 2

Erfahrungen eines Missionars, der seit 40 Jahren dort lebt

Pater Herbert Douteil CSSp lebt seit 40 Jahren im Amazonas-Gebiet

Ein Interview mit P. Herbert Douteil CSSp von Ursula Zöller

Im zweiten Teil des Interviews geht es neben der Liturgie im Amazonas-Gebiet auch um die viel diskutierten Fragen nach der Zulassung von „Viri probati“ und dem Priestertum für Frauen.

Laut Il soll das „arme und einfache Volk seinen Glauben durch Bilder, Symbole, Traditionen, Riten und andere Sakramente zum Ausdruck bringen“. Müssen wir dann der Synode für neue Sakramente dankbar sein, während wir durch zwei Jahrtausende von sieben Sakramenten geleitet wurden? Und wie sehr sind die Menschen des Amazonasgebietes in ihren alten Vorstellungen verwurzelt?

Herbert Douteil CSSp: Muss man denn alles neu erfinden?? Denn bei der Antwort braucht man nur an die Unterschiede von Sakramenten und Sakramentalien zu erinnern und im leider fast vergessenen, wenn nicht bei vielen sogar verpönten „Katechismus der Katholischen Kirche“ die Paragraphen 1674-1676 nachzulesen.  

Grundsätzlich müssen wir uns immer wieder vor einer Auflösung der Liturgie als ein auf den Menschen bezogenes soziales Ritual hüten. Hier würde das „mysterium tremendum“ fehlen. Man würde alles rein natürlich verständlich machen wollen. Das wäre besonders bei Indios vollständig unverständlich, weil sie ja dieses Mysterium bei ihren Riten durch ihre Medizinmänner selbstverständlich achten. Alles kann hier eingebaut werden – etwa bei den Indigenen von der Kleidung und dem Kopfschmuck über die spontanen Bewegungen des Tanzes, die Körperbemalung und die Früchte der Ernten und des Waldes bei der Opferung … die Prozessionen und das Festmahl – hier ist doch dem Erfindungsreichtum der Menschen keine Grenze gesetzt!!

Vergessen wir auch nicht die Räume, die Kapellen mit ihren Heiligenfiguren und Bildern, den Rosenkranz, die im Dokument fast vergessene oder unterdrückte Marien- und Heiligenverehrung; im Endergebnis wird nicht alles lupenrein sein können, als ob es keine synkretistischen Anspielungen geben könnte, weil ja etwa beim Tanzen jeder anders fühlt, denkt, eine andere Erinnerung mit einer jeweiligen Bewegung verbindet – doch da brauchen wir keine Angst zu haben: Das Wahre und Echte wird sich auf die Dauer durchsetzen!

Der für Adveniat zuständige Bischof Franz-Josef Overbeck sieht in der Synode eine Zäsur. Auch die Sexualmoral, das Priesterbild, die Rolle der Frau und die Hierarchie stünden auf der Agenda. Dann werde nichts mehr sein wie zuvor. Kirche am Abgrund?

Herbert Douteil CSSp: Als Antwort möchte ich zitieren, was der Fidei-Donum-Priester Heinrich Rosner in seiner Prognose zur Synode der Amazonaskirche in Rom im Oktober 2019 (Facebook: P. Rosner Sinodo Amazonia, clave heinrich 37*) geschrieben hat, damit sich jeder Leser sein eigenes Urteil bilden kann:

„Die Ordination von viri probati und verheirateten Indiopriestern ist eine Bewährungsprobe auf die Fähigkeiten der Kirche. Zu den viri probati braucht es auch eine „iglesia probata“, eine „bewährte Kirche“. Den Kreis von „bewährten Männern“ wird man auch auf „personae probatae“, auf bewährte Personen erweitern, womit Frauen eingeschlossen werden für die Priesterweihe. Die Argumente für ihre Ausschließung überzeugen nicht. Warum sollten sie nicht berufen und fähig sein? Es wird noch eine Zeit dauern, die Erfahrung der protestantischen und anglikanischen Kirchen mit ihren Pastorinnen und Bischöfinnen dienen dabei als ein Lernbeispiel.“

Ich glaube nicht, dass es eines Kommentars bedarf – die Erfüllung dieser Wünsche und Vorstellungen führt zu einer protestantischen Kirche, die ja als Lernbeispiel dargestellt wird und die mit der „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ höchstens noch den Namen gemeinsam haben würde!

An mehreren Stellen fordert das Papier, für Frauen Formen der „amtlichen Wahrnehmung“ zu entwickeln und im Rahmen „der Gleichstellung“ deren Diakonat zu ermöglichen. Auf verschlungenen Wegen des Regenwaldes Aufbruch zum Frauenpriestertum?

Herbert Douteil CSSp: Das scheint mir völlig überflüssig und nach den Klarstellungen von Papst Johannes Paul II. auch unannehmbar; es geht ja nicht um Machtausübung und Machtstellungen, sondern um Gottes- und Menschendienst; in dieser Dienst- und auch Leitungsfunktion können und tun hier  die Frauen bereits praktisch alles, was auch Männer tun: Sie halten Wortgottesdienste, leiten Gemeinden, sind die tragenden Säulen bei allen Pastoralaufgaben; sie teilen die Kommunion aus, besuchen als Kommunionhelferinnen die Kranken sowohl daheim als auch in den Krankenhäusern; haben Sitz und Stimme bei den Pfarr- und Diözesansynoden; eine besondere und herausragende Rolle spielen die Ordensfrauen bei der Katechese, der Gesundheitspastoral, in den Schulen; ich persönlich sehe nichts, was zu ändern wäre – man braucht keine Weihen, sondern höchstens eine spezifische, persönliche Beauftragung in einer liturgischen Feier innerhalb und vor der entsprechenden Gemeinde.

Der emeritierte Bischof José Luis Azcona von Marajo, der Morddrohungen erhielt, weil er die Menschenrechte der indigenen Bevölkerung verteidigte, kritisiert Instrumentum laboris scharf. Eine Mehrheit der Christen sei nicht mehr katholisch. Das Papier habe eine völlig verzerrte Sicht. Es übersehe das Antlitz der Kinder, „die von ihren eigenen Eltern und Verwandten missbraucht werden, Opfer einer Sklaverei, die einen ganz wesentlichen Aspekt“ des „geschändeten Antlitzes Jesu in Amazonien“ ausmachen. Allein in Para habe es in einem Jahr 25.000 Anzeigen wegen sexueller Gewalt und Pädophile gegeben, sodass man mit 100.000 Fällen rechnen müsse.

Haben Sie ähnliche Informationen?

Herbert Douteil CSSp: In dieser Frage stecken zwei, die einzeln beantwortet werden müssen: die erste ist nach der Zunahme der verschiedensten, manchmal sehr aggressiven Sekten, die fast alle gegen zwei Punkte gerichtet sind, nämlich die Marien- und die Heiligenbilderverehrung. Die Zunahme dieser „Kirchen“ ist wirklich erschreckend, sowohl in den Städten als im Landesinnern; es ist schwierig, Zahlen zu nennen – doch wenn man die neuen Kapellen der Sekten mit den neuen der katholischen Gemeinden vergleicht, kommt man auf ein Verhältnis von 6-7 : 1 – und diese Kapellen stehen manchmal in weniger als 100 m Entfernung von der katholischen Kirche und werden auch gut besucht, sogar von vielen Jugendlichen, die bei uns fehlen. Es hat aber doch wohl wenig Sinn, nun Viri probati für die entfernten Gemeinden zu fordern, wenn ein Pfarrer in der eigenen Nachbarschaft nicht seine Pflicht als Priester tut – wenn  z.B. ein Pfarrer in der Nachbargemeinde zwei Jahre lang keinen einzigen Seelsorgebesuch in den Gemeinden entlang des Flusses macht und sich wundert, dass die Menschen zu den Sekten übergehen. Ich selbst hatte mehr als dreißig Jahre lang mehr als 50 Kapellengemeinden im Landesinnern und bei den Siedlern zu betreuen; ich hatte einen Generalplan, nach dem ich die Kapellen bei den Siedlern, wohin Wege führten und wohin ich mit dem Schlammmotorrad oder dem Toyota relativ leicht kommen konnte, besuchte und jeden Monat eine Messe mit Beichte anbot – in den Gemeinden entlang der Flüsse war ich bis zu viermal im Jahr, wobei ich für jede Gemeinde und den vollen Dienst mit Taufen, Beichten, Erstkommunion und Ehen jeweils vier bis fünf Stunden Zeit hatte; natürlich konnte ich dies nur schaffen, weil mir die Laienkatecheten halfen und mich an den übrigen Sonntagen auch vertraten; diese Laien habe ich bei monatlichen Treffen geschult und ermuntert: „Wenn Ihr Fehler macht, so seid nicht zu traurig – macht es so gut, wie Ihr könnt und es wisst – die Fehler gehen auf mein Konto, weil ich es noch nicht geschafft habe, Euch richtig auszubilden; beim nächsten Treffen sprechen wir darüber!“

Die zweite Frage ist nach den Missbrauchsopfern – in dieser Beziehung habe ich für  unser Gebiet keine sicheren Informationen, es sei denn, ich gäbe die erschreckenden Zahlen der Kinderprostitution und der kindlichen Mütter von elf bis fünfzehn Jahren an; sie gehen wohl  nicht immer auf Missbrauch in den eigenen Familien zurück, die aber leider sehr tief blicken lassen – doch ist er für die Gesamtsynode ein trauriger Neben­aspekt, und man darf nicht alle möglichen Nebenschauplätze, wie z.B. die hoffnungslos überfüllten Gefängnisse, zugleich behandeln wollen und muss auch Vorsicht walten lassen, damit man den Missbrauchsskandal nicht auf diese Synode überträgt.

Die Mutter der ersten indianischen Heiligen Katerie, Katherina, wurde vom Stamm ihres Vaters entführt. Katerie musste als Kind den Folterungen von Feinden zusehen. Das Christentum war für sie Erlösung aus schrecklichen Ängsten und Kennenlernen einer alle umfassenden Liebe. Wird dieser Aspekt vergessen?

Herbert Douteil CSSp: Catarina Tekakwitha, die von 1656 bis 1680 lebte und im Alter von Theresa von Lisieux gestorben ist und gemeinsam mit Josef von Anchieta, dem Apostel Brasiliens, am 22.6.1980 von Johannes Paul II. selig gesprochen wurde, hat in einem vollständig anderen Umfeld der nordamerikanischen Indios der Huronen und Irokesen und ihrer Stammeskämpfe und der eindringenden Pelzhändler gelebt; ihr Leben kann man nicht ohne weiteres mit dem Leben unserer hiesigen Indios vergleichen, es sei denn, man ginge in die Zeit ihrer Verfolgung durch die Gummischneider in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zurück, als auch hier ähnliche Dinge wie Folterung und Ermordung geschahen.

Was nun die unterschwellige oder auch bewusste Angst angeht, so muss man wissen, dass die Indios eine animistische Weltanschauung haben, für sie ist der Wald, ist jeder Baum, jede Pflanze beseelt – es gibt gute und böse Geister, und wenn der Indio in den Wald geht, weiß er niemals, ob er einen guten oder bösen Geist trifft; für sie war es eine Offenbarung, als ich bei den Katechesen vom Besessenen von Gerasa erzählte, der von einer Legion von Geistern besessen war, die aber erst von Christus die ausdrückliche  Erlaubnis erhalten mussten, um in die Schweineherde fahren zu können – und ich sagte: „Wenn Christus bei uns ist, kann kein böser Geist uns etwas antun!“ – Welche Befreiung von so viel Angst!! – Auf der anderen Seite ist diese animistische Weltanschauung aber auch ein gewisser Schutz für den Urwald, den die Indios niemals ohne Grund abholzen!

Was wünschen Sie sich für die Menschen, mit denen Sie so lange zusammengearbeitet haben, was erwarten Sie von der Synode?

Herbert Douteil CSSp: Was die Menschen hier von der Synode erwarten, kann ich nicht sagen – sie müssen erst noch die Vorbereitungsnovene durchbeten und betrachten. – Was ich – übrigens nicht nur für uns, sondern auch für die anderen Teile der Weltkirche und nicht zuletzt für die deutsche Heimat – sehnlichst erhoffe und erbete, ist ein vertieftes Glaubenswissen, ist eine neue Evangelisation, mit der damit verbundenen Umkehr im Denken und Tun; denn dadurch würden sich fast alle Probleme von selbst lösen, ohne die die Schlange sich immer wieder in den eigenen Schwanz beißen würde; durch dieses erneuerte Glaubenswissen und -leben würde es dann gleichsam von selbst ein Mehr an Umweltbewusstsein geben, aber weniger Egoismus und Rücksichtslosigkeit gegen Mensch und Umwelt, um ohne Rücksicht auf unwiederbringliche Verluste möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit für mich, für mich, für mich herauszuholen.

Der Beitrag ist auch erschienen in der Zeitschrift „Der Fels“, Ausgabe Oktober 2019

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