Die Vielgeschmähte singt

In einem einzigen Augenblick, völlig überraschend, nicht ersehnt und durch nichts gefördert, wird André Frossard von einem sozialistischen Atheisten zum Katholiken. Er hat – mehr aus Langweile denn aus Interesse – eine Kirche besucht, während er auf einen Freund wartet, sieht dort zum ersten Mal in seinem Leben eine Monstranz mit der in den Leib Jesu verwandelten Hostie, sichtbar aber eben doch nur als ein Stück weißen Brotes. Sein Blick bleibt dann an der brennenden zweiten Kerze von links hängen und blitzartig wird er überwältigt.

Frossard, der wunderbar humorvolle Journalist mit der schönen, klaren Sprache, tut sich schwer, zu schildern, was ihm in diesem Augenblick geschehen ist. Der  Maler schreibt er, dem es gegeben wäre, unbekannte Farben zu erschauen, womit sollte er sie malen?

Er erfährt in einem fast unerträglich hellen Licht Gott, den die Christen „unseren Vater“ nennen, als Person, als durchdringende Milde, die fähig ist, den härtesten Stein zu zerbrechen, „und was härter ist als der Stein – das menschliche Herz.“  André Frossard ist von einer Sekunde auf die andere katholisch.

In seinem Buch „Es gibt eine andere Welt“, dem Folgeband von „Gott existiert. Ich bin ihm begegnet“ schildert er auf herrlich lakonische Weise, wie seine Umwelt auf diese Tatsache reagiert und wie er die Kirche sieht, zu der er nun plötzlich gehört. „Vom ersten Tag an erschien sie mir schön. Oft haben mich die in der Wiege Getauften mit der Miene des Eingeborenen, der die Meinung eines Ausländers über die neuesten Maßnahmen der Regierung hören möchte, gefragt, ob die Kirche den jungen Konvertiten, der ich war, nicht enttäuscht habe.“ Frossard aber berichtet von seiner Großmutter, über die er ebensowenig meditiert habe wie über die Kirche. Seine Großmutter sang für ihn und das Wichtigste dabei war, auf ihren Knien zu sitzen und zu spüren, dass man von da niemals vertreiben werden konnte, auch nicht durch das Weltende, das mit dem Schlaf auf einen zukam.

Auch die Kirche singe und es komme vor, dass sie falsch singe. Aber was wir von ihr sehen, sei nur das sichtbare Segment einer ungeheuren Kugel, deren Umfang noch niemand durchmessen hat, denn zu ihr gehören all jene, die uns zu Gott vorausgegangen sind, zu Gott, der der Kirche die Seelen anvertraut. Von der ungeheuren Zahl dem Licht zugekehrter Gesichter sehen wir „wie von einem Schiffsbug nur den unteren Teil, der mit uns in den Schlamm der Erde getaucht ist, und an dieses modrige, vom Salz angefressene Stück hängen sich die Kritiker wie die Miesmuscheln. Aber das übrige, das über dem Wasser leuchtet… .“

Über dem Wasser leuchten die Heiligen aller Jahrhunderte, die Verstorbenen, die niemand heilig nennt und die es im Verborgenen doch gewesen sind, die Großen und die Kleinen unserer Kirche – und vor allem Gott selbst, Maria und all jene, die uns den Glauben übermittelt haben. An deren Leuchten müssen wir uns erinnern, wenn uns die Gestalt der gegenwärtigen Kirche oft so wenig gut erscheint.

Über dem Wasser leuchtet der Himmel in unbeschreibbaren Farben und für uns, die wir ihn so noch nicht sehen, leuchtet doch der Stern von Bethlehem, der uns dorthin leiten möchte; durch unsere Kirche – verunstaltet durch schreckliche Sünden aber doch unglaublich schön.

Ursula Zöller

André Frossard (1915 – 1995) war ein französischer Journalist und Publizist. Befreundet mit dem heiligen Papst Johannes Paul II. hat er mit ihm 1982 ein Interview geführt, das im Anschluss als Buch unter dem Titel „Fürchtet Euch nicht!“ erschienen ist.

Der Beitrag erscheint in Kürze auch in der Zeitschrift „Der Fels“.
Beitragsbild: Ian Kelsall auf pixabay

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