Von mause(hirn)toten Menschen und lebenden Leichen

Mit dem bereits im April 2019 in Kraft getretenen Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) und der am vergangenen Donnerstag im Deutschen Bundestag beschlossenen „Entscheidungslösung“ zur Verbesserung der Spendenbereitschaft wurde die Organspende in Deutschland umfassend neu geregelt. Voraussetzung für die Organspende ist in Deutschland der sogenannte „Hirntod“. Doch wie tot ist „hirntot“?

Ein Beitrag von Ursula Zöller

Nun ist also der Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Spahn zur Widerspruchslösung bei der Organspende gescheitert. Das ist sehr gut.

In der Debatte rund um die Entscheidung ging es oft um das Selbstbestimmungsrecht, darum ob der Körper eines Verstorbenen immer noch ihm selbst oder am Ende gar dem Staat gehöre, aber nur recht wenig um die alles entscheidende Frage, ob nämlich der Organspender bei der Entnahme wirklich tot ist oder doch noch lebt. Die Frage also, ob die Organe das letzte Geschenk eines Verstorbenen an leidende Mitmenschen sind oder ob ihre Entnahme die Tötung des Spenders ist.

Dem nun gescheiterten Gestzesentwurf ist ein anderes gravierendes Gesetz, das Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende, GZSO, vorausgegangen. Es ist seit dem 1. April letzten Jahres in Kraft und regelt, wie Krankenhäuser dafür sorgen müssen, dass mehr Organe für Transplantationen zur Verfügung stehen. Sie müssen nun geradezu nach Organspendern in ihrem Haus fahnden: Für jede Intensivstation eines „Entnahmekrankenhauses“ ist laut GZSO ein Transplantationsbeauftragter, TxB, zu bestimmen.

Die Transplantationsbeauftragten „erhalten Zugangsrecht zu den Intensivstationen und sind hinzuzuziehen, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen. Ihnen sind alle erforderlichen Informationen zur Auswertung des Spenderpotentials zur Verfügung zu stellen.“ Es erscheinen also nun an den Betten sterbender Intensivpatienten TxBs. Eine beängstigende Vorstellung!

Die Krankenhausleitungen müssen sich rechtfertigen, wenn sie nicht so viele Organe wie nur möglich finden. Gründe für „eine nicht erfolgte Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls oder eine nicht erfolgte Meldung“ sollen erfasst und bewertet werden.

Wenn dann ein Organspender gefunden ist, wird er mit allen notwendigen Maschinen und Medikamanten unter Umständen tagelang am Leben erhalten – auch wenn er in seiner Patientenverfügug bestimmt hat, dass er am Lebensende nicht noch an irgendwelche Maschinen angeschlossen werden will. Sein letzter Wille wird dann übergangen.

Unter der Überschrift „Kann eine tote Frau ein Kind gebären?“ konnte man im Dezember in der Deutschen Tagespost vom Schicksal einer Schwangeren lesen, die 20 Wochen nach der Feststellung des Hirntodes im Jahr 2018 in Würzburg ein gesundes Mädchen geboren hat.

War die Mutter, die ihr Kind durch eine Spontangeburt auf die Welt brachte, also eine Tote? Sie ist übrigens nicht die einzige Komapatientin, deren Kind im Mutterleib bis zur Geburt weiterleben konnte.

Und war das kleine Mädchen, das als hirntot galt und deshalb sterben sollte, tot? Seine Eltern und viele tausend Unterzeichner einer Petition, die darum baten, das Kind ausreisen und in eine Klinik bringen zu lassen, die es aufnehmen wollte, haben um das Lebensrecht der Kleinen gekämpft. Ihre Ärzte und der Staat wollten die Verlegung des Kindes verhindern und verlangten, dass man es sterben lassen müsse. Dann siegten die Eltern vor Gericht, das Kind durfte ausreisen und kann heute immer öfter ohne Geräte atmen.

Abgesehen von der grundsätzlichen Frage wie es sein kann, dass Ärzte, Gesundheitsbehörden und Gerichte darüber bestimmen dürfen ob ein Patient in eine aufnahmebereite Klinik und ein anderes Land verlegt werden darf: War die Kleine also tot und lebt nun wieder?

In einem Interview im Deutschlandfunk am Morgen der Abstimmung im Bundestag meinte der langjährige Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery – ganz am Ende des Gesprächs danach gefragt ob die Organspender nach einem Hirntod wirklich tot sind – : Sie sind mause(hirn)tot. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Selbst wenn man Spaß an Wortspielen hat und auch bei todernsten Themen der Humor durchaus seinen Platz hat, mutet die Aussage hier ziemlich unangebracht an. Denn das Messer des Operateurs schneidet dem Spender der Organe tatsächlich den Lebensfaden ab.

In einem Fernsehbeitrag vor vielen Jahren wurden ein evangelischer und ein katholischer Krankenhausseelsorger zum Thema Organspende befragt. Beide lehnten sie nach ihren Erfahrungen im Krankenhaus ab. Einer von ihnen saß am Bett eines Sterbenden, der für die Transplantation vorbereitet wurde. Eine Ärztin oder Schwester kam mit einer Spritze in der Hand ins Zimmer. Auf die Frage wofür die denn sei antwortete sie, es sei eine Schmerzspritze.

Nach dieser Sendung habe ich meinen Organspenderausweis, den ich lange ständig bei mir hatte, weil es so gut wäre, nach dem eigenen Tod noch anderen zu helfen, zerrissen: Denn Tote haben keine Schmerzen!

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