Die evangelische Frau Schmidt

Drüben brennt kein Licht

Am zweiten Weihnachtsfeiertag starb die evangelische Frau Schmidt. Sonntags stand ein großer schwarzer Wagen mit einem langen Anhänger vor meinem Haus. Nichts deutete darauf hin, dass es ein Leichenwagen sein könne, nur die verdunkelten Fenster des Anhängers und seine sarggerechte Länge nährten den Verdacht, es könne jemand in der Nachbarschaft gestorben sein.

Im Haus gegenüber brannte kaum ein Licht. Dann stiegen zwei schwarzgekleidete Menschen in den Wagen und fuhren davon. Ganz oben unter dem Dach war es noch für ein, zwei Stunden hell, dann nie mehr. Der Verdacht, dass die alte Dame tot sei, wurde dann durch die Annonce in der Tageszeitung bestätigt.

Wir hatten uns oft gesehen, manchmal gingen wir ein Stück zusammen, wenn sich unsere Wege beim Einkaufen trafen. Sie erzählte mir von der Flucht mit ihrer Mutter, von den Enkelkindern, auf die sie so stolz war, von Begegnungen mit meinen Eltern. Und sie erklärte mir, dass Schmidts mit dt in Bayern in der Regel evangelisch seien, während Schmitts mit zwei t im Namen normalerweise katholisch wären.

Die evangelische Frau Schmidt wünschte mir wenn wir uns trennten fast immer Gottes Segen. Und ich wünschte ihn ihr auch. Nun wurde sie still und leise, ganz unauffällig, weggebracht.

Als mein Vater starb wollte das Beerdigungsinstitut seinen Wagen unbedingt hinter unserem Haus parken. Parken sie vorne, meinte ich, jeder in der Nachbarschaft darf sehen, dass bei uns jemand gestorben ist. Die Herren in Schwarz haben sich nicht an meine Bitte gehalten. Sie trugen meinen Vater durch die Hintertüre hinaus, heimlich, wie Diebe. Es war ein unwürdiges Verlassen seines eigenen Hauses und es hat dann auch einige Mühe gekostet, seinen Sarg im Requiem vor dem Altar zu haben. Aber es ging in dieser Heiligen Messe vor allem um ihn, seinen Abschied von der irdischen Welt und seinen Übergang in die himmlische.

Früher trug man noch eine Zeitlang Trauer, wenn jemand in der Familie gestorben war. Später zeigte wenigstens noch ein schwarzes Band am Arm, dass man einen lieben Menschen verloren hat. Heute sieht man in der Öffentlichkeit niemandem mehr an, dass ihm jemand fehlt, der ihm viel bedeutet hat. Und die Toten werden womöglich in anonymen Gräbern oder unter Bäumen begraben.

Tote sieht man fast nur noch in Fernsehkrimis, aber in der Realität werden Sterben und Tod verborgen als seien sie etwas Verbotenes dessen man sich schämen muss. Dabei ist es doch genau das, auf das unser ganzes Leben vom ersten Augenblick an zuläuft. Das Sterben ist der absolut entscheidende Ernstfall, jener Augenblick, in dem unser weiteres Schicksal ein für allemal besiegelt ist. Allerdings geschieht in unserer aufgeklärten Gesellschaft gleichzeitig mit der zunehmenden Zahl der Selbstmorde und des Sterbens auf Verlangen etwas Gegenläufiges. Man nimmt den Tod selbst in die Hand und versucht so, dem Sterben den Schrecken zu nehmen.  Man versucht so aber auch dem, was man nicht akzeptieren kann, wenigstens selbstbestimmt zuvorzukommen. Es ist zugleich das schreckliche Eingeständnis, dass man über dieses Leben hinaus nichts mehr erwartet.

Auf Bildern vergangener Zeiten sieht man manchmal einen Totenkopf auf einem Schreibtisch als Erinnerung an die eigene Sterblichkeit und Mahnung, entsprechend zu leben. Das carpe diem, die Aufforderung jeden Tag zu nutzen, war nichts anders. Und die Philosophen sprachen von der ars moriendi, der Kunst, das Sterben zu lernen als einer wichtigen Fähigkeit, die auch das Leben leichter macht. Es scheint, dass wir sie dringend wieder lernen müssen.

Drüben scheint kein Licht mehr. Hinter den Fenstern, oft bis in die späte Nacht erleuchtet, herrscht Dunkelheit. Aber der Segen, den Frau Schmidt mir oft gewünscht hat, wird sie selbst sicher in das andere Leben begleitet haben.

Ursula Zöller



Bild: anncapictures auf pixabay

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