Die schlimme Saat ging auf

…und bringt fortlaufend faule Früchte

Das Audimax der Frankfurter Universität ist bis auf den letzten Platz besetzt. Gleich wird Prof. Simitis seine Vorlesung halten. Ich sitze am Rand einer langen Stuhlreihe. Dann kommt ein Student zu mir, sagt: „Komm, lass uns geh`n. Ich will mit Dir schlafen.“

Ich habe diesen Jungen noch nie zuvor gesehen. Offensichtlich gehört er zu jenen linken Machos, die dem gerade sehr modernen Spruch folgen: Wer einmal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Und obwohl mir das bei juristischen Themen sonst nicht allzu oft geschieht finde ich den Vortrag von Prof. Simitis gerade weitaus faszinierender als das überraschende unmoralische Angebot des fremden Kommilitonen.

In der 68iger Zeit und lange danach gab es kaum noch sexuelle Tabus und das ist bis heute – weniger aggressiv weil inzwischen längst gewohnt – so geblieben. Unser Land trägt inzwischen den wenig ehrenvollen Titel Bordell Europas.

Und die Kinder und Jugendlichen? 1970 hatte der führende deutsche Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch – so die Tagespost in einem Beitrag von Manfred Lütz – bei einer Anhörung im Bundestag erklärt, gewaltfreie Sexualkontakte zwischen Erwachsenen und Kindern schädigten gesunde Kinder nicht. Das blieb bis Ende der 80iger Jahre herrschende Lehre.

In den 68iger Jahren bis Anfang 2000 gaben Berliner Jugendämter entsprechend dem „Kentler-Experiment“ Jungen in die Obhut pädophiler Männer, denn durch sie – so das grauenhafte Argument des Pädagogen Helmut Kentler – ließen sich „jugendliche Herumtreiber“ viel leichter sozial integrieren, „weil nur pädophile Pflegeväter in der Lage seien, diese `schwachsinnigen´ Kinder und Jugendlichen auszuhalten und zu lieben“.

Im renommierten Deutschen Ärzteverlag hieß es 1989 in dem internationalen Standartwerk „Klinische Sexologie“ zum Thema Missbrauch, dass Untersuchungen und Verhöre wegen sexueller Handlungen an Kindern unter Umständen mehr Schaden anrichten als die Handlung selbst. Und in „manchen Ländern sind in den letzten Jahren Organisationen entstanden, die sich für `die sexuellen Rechte der Kinder´ und für mehr Verständnis für Pädophilie einsetzen“.

Die entsetzliche Saat der sexuellen Revolution ist aufgegangen! Sie ist auch in unserer Kirche nicht ohne Folgen geblieben. Man rechnete generell damit, dass nach dem Ende der Strafbarkeit homosexueller Handlungen nach §175 StGB im Jahr 1973 auch bald Pädophilie nicht mehr strafbar sein würde. Und so – wieder Manfred Lütz –  „blieb einem Bischof nicht viel anderes übrig, als so zu reagieren, wie man das seit Jahrhunderten gewohnt war: dem Sünder war zu verzeihen, wenn er Reue und Vorsatz zeigte, man glaubte ihm seine händeringenden Beteuerungen und gab ihm eine neue Chance, indem man ihn versetzte. Routinemäßig wurden die Täter oft zu Psychotherapeuten geschickt, die aber zumeist wenig Erfahrung mit dieser Klientel hatten und naive `Persilscheine´ ausstellten.“

Was muss man aus all dem schließen?

Für die Zeit bis 1990 kann man heutige Maßstäbe an das Verhalten der Bischöfe kaum anlegen. Missbrauch von Kindern und Jugendlichen war eine schwere Sünde aber was die Folgen betraf orientierte man sich an dem, was angebliche oder wirkliche Wissenschaftler vorgaben. 

Später war allerdings klar, dass Kindesmissbrauch traumatische Konsequenzen hat und dass eine hohe Rückfallgefahr besteht.

Die ersten Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz im Jahr 2002 basierten dann auf  diesen Erkenntnissen. Ein Verhalten wie vor 1990 war zumindest von da an unverantwortlich.

Was folgt noch?

Im Nachhinein eventuelle Verbrechen Verstorbener zu untersuchen dürfte in der Regel heikel sein, weil sich diese nicht mehr wehren können.

Betroffene sexuellen Missbrauchs haben jedes Recht auf Aufklärung und Entschädigung so weit das möglich ist. Es wird ihr Leid kaum mildern können. Aber die Betroffenen sollten gerade wegen ihrer Betroffenheit nicht in Untersuchungskommissionen sein; sie müssen sein, was im Strafrecht Nebenkläger sind und als solche für ihr Recht kämpfen.

Für jeden, dem Missbrauch vorgeworfen wird, gilt zunächst die Unschuldsvermutung. Das ist wesentlicher Teil unserer Rechtsordnung, der uns alle schützt. Und – auch wenn das in diesem Zusammenhang schwer zu ertragen und manchmal vielleicht unmöglich ist – nicht der Beschuldigte muss seine Unschuld beweisen, sondern der Ankläger die Schuld. Diesen Rechtsgrundsatz darf man auch hier nicht vergessen.

Erinnerungen können sehr falsch sein. Sie müssten durch Gutachter beurteilt werden, die fachlich gut ausgebildet sind.

Im Raum Köln wurde im Rahmen einer Burn-out-Behandlung eines Priesters von dessen eigenem Missbrauch berichtet, den er im Alter von zwei Jahren erlebt habe. Diese Erinnerung stellte sich unter Hypnose ein.

Kann man sich wirklich an Geschehnisse erinnern aus einer Zeit, in der man erst zwei Jahre war ?

Wie weit gehen Ihre Erinnerungen zurück? Ich zum Beispiel erinnere mich an den Friseur in unserem Haus. Wenn ich ins Treppenhaus kam und dort wie immer zu singen begann, tauchte auch er auf und meinte verschmitzt lächelnd: „Mädchen, die singen und Hähnen, die krähn, soll man beizeiten die Hälse umdrehn.“ Wir waren so etwas wie Freunde und der Mann mit seiner Schürze und der Haarschere gehörte zu meinem Aufenthalt im Treppenhaus wie mein fröhlicher Gesang. Es ist eine meiner ersten Erinnerungen. Ich war etwa fünf Jahre.

Kann man sich also wirklich an Taten erinnern, die man als Zweijähriger erlebt hat?

Der forensische Psychologe Max Steller warnt – ebenfalls in der Tagespost vom 25. Februar –, dass die katholische Kirche die „lebenszerstörenden Folgen falscher Verdächtigungen nicht aus den Augen verlieren“ dürfe.

Aus beeindruckenden Filmen aber auch aus wissenschaftlichen Untersuchungen weiß man auch als wissenschaftlicher Laie, wie schlimm die Folgen falscher Zeugenaussagen sein können. Der Psychologe Steller spricht von Scheinerinnerungen, die besonders dann, wenn Beschuldigungen erst nach Jahren oder Jahrzehnten vorgebracht werden, möglich sind.

Er schreibt: „Wer einen anderen aufgrund einer Scheinerinnerung beschuldigt, lügt nicht. Er ist subjektiv davon überzeugt, das schlimme Ereignis erlebt zu haben.“ Und er fügt hinzu: „Subjektiv als wahr erlebte Falschaussagen sind schwerer zu erkennen als Lügen.“

Der Psychiater Lütz zieht ein erschreckendes Fazit mit Blick auf die Unabhängige Kommission für Anerkennungsleistungen, UKA, der deutschen Bischöfe: In ihr sitzen nun mindestens jeweils zwei Opfer aber kein einziges Mitglied mit aussagepsychologischer Kompetenz, so dass „niemand wissenschaftlich überzeugend feststellen kann, ob eine bestrittene Beschuldigung stimmt. Wenn es dabei bleibt, müsste man jungen Männern in Deutschland dringend davon abraten, Diözesanpriester zu werden, denn das ist der einzige Beruf, in dem man haltlosen Beschuldigungen im Leben und sogar nach dem Tod hilflos ausgeliefert ist.“

Bittere Bilanz eines vorerst gefährlichen Versuchs, die unsäglichen Verbrechen vieler Priester aufzuklären und den Opfern Gerechtigkeit zu verschaffen.

Ursula Zöller

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