Schafe, Hirten, Wölfe und das Lamm

Eine kleine Parabel

Manche Worte der Bibel scheinen uns Heutigen ein wenig aus der Zeit gefallen. In unserer industrialisierten hoch technischen Welt der Computer und Onlineangebote kommen Hirten und Schafe praktisch nicht mehr vor. In den Städten mit ihren Asphaltstraßen, entlang der Autobahnen selbst wenn sie durch schöne Natur führen und auch in Dörfern sieht man kaum noch Schafe, keine Hirten mit ihren Herden mehr.

Und doch spricht das Evangelium wie zu allen Zeiten noch von dem Guten Hirten und seinen Schafen. Der ein oder andere fühlt sich unangenehm berührt, wenn er ein Schaf im Stall Jesu sein soll. Schnell und geradezu zwangsläufig hat man das Wort vom „dummen Schaf“ im Kopf; andere hören, was sie immer schon gehört haben und lassen die Worte einfach über sich ergehen.

Aber in letzter Zeit hört man das Wort Herde sehr oft. Es kommt aus dem Bereich der Pandemiebekämpfung und macht uns alle aus gesundheitlichen Gründen plötzlich zum Teil einer wie auch immer gearteten Herde. Wir sollen durch Impfungen möglichst schnell Herdenimmunität erlangen und so vor den Gefahren von Covid19 geschützt sein. Wie groß auch immer die Zahl der Schafe oder Menschen ist: etwa 70 bis 80 Prozent von ihnen müssten geimpft sein, um alle vor der schlimmen Krankheit zu bewahren. Herdenimmunität, das könnte das Wort des Jahres werden.

Jesus sagt, dass er seine Schafe kennt und die Seinen ihn. Doch die Herde wird kleiner, die Herdenimmunität als Mittel gegen die Gefahren ist verlorengegangen. Man wächst nicht mehr so selbstverständlich wie früher in seinen Glauben hinein und er scheint vielen nicht mehr wichtig. Ein großer Teil der Herde kennt ihren Hirten längst nicht mehr und verlässt den schützenden Stall. Alles muss endlich anders werden. Der Stall und seine Regeln sind ihnen zu eng.

Dieser Tage ist in Hamburg ein Wolf gesichtet worden. Bei einem ganz gewöhnlichen Spaziergang kann man in unserem Land inzwischen Wölfen eher begegnen als Schafen auf der Wiese. Die Raubtiere sind vor langer Zeit zu einer geschützten Spezies geworden und beginnen überhand zu nehmen. Sie reißen Kälbchen und Schafe. Und die Angst vor ihnen wächst.

Viele Hirten kämpfen, um ihre Herde zu schützen, manche fühlen sich machtlos, einige haben resigniert.

Jesus sagt, der Gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe. Und die verlorenen Lämmer trägt er auf seinen Schultern heim. Christus, das Lamm Gottes, opfert sich für alle und sucht nach allen, die in der Gefahr sind, verloren zu gehen.

Sokrates hat einmal auf die Frage, ob sich der Mensch selbst töten dürfe gesagt, klar sei, dass der Mensch sich nicht selbst gehöre. Er gehöre zur Herde der Götter.

Als einzige Kreatur ist der Mensch nämlich eine Einheit von Leib und Seele. Einem Leib, dem Zuhause der Seele, der mehr ist als bloße Materie und einer Seele, die mehr ist als nur eigenständiger Wille. Der Mensch ist Person, geschaffen nach dem Bild Gottes und so auch – vor allem durch den Empfang der Heiligen Kommunion – gedacht als sein Tempel.

Wir gehören zur Herde des einen Gottes. Er gibt ihr Hirten, die für ihr Leben bei ihm verantwortlich sind. Sie müssen die ihnen Anvertrauten vor den Wölfen bewahren. Einige Wölfe aber sind längst in den Schafstall eingedrungen. Und so mancher Hirte heult mit den Wölfen.

Ursula Zöller

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