In der Nachfolge Christi

Er hatte sie „Lucaya“ genannt, weil sie von den Lucayos-Inseln stammte. Auf dem Sklavenmarkt hatte der spanische Ritter Bernardino sie mit vielen ihrer Landsleute gekauft und sie auf seinen Besitz nach Puerto Rico gebracht. Etwas an diesem so zerbrechlich wirkenden Mädchen muss den nur nach Reichtum gierenden Ritter bewogen haben, Lucaya in sein Haus aufzunehmen und nicht wie die anderen Sklaven hart arbeiten zu lassen. Erst spät erfährt er, dass sie vor längerer Zeit getauft worden ist. Sie ist ihm ganz ergeben, durch das Versprechen betrogen, sie und ihr Volk würden dorthin gebracht, wo ihre Verstorbenen leben, nach denen sie sich sehnen. Im Rückblick sagt Bernardino von diesen Indios, sie seien so „wehrlos und arglos“ gewesen, als sei Adams Schuld nicht auf sie gefallen.

Während der Heimfahrt nach Spanien beschwört der Dominikaner Las Casas den Ritter, sich von seinen Schätzen an Gold und Perlen zu trennen, damit Gott sich seiner Seele erbarmen könne. Aber Bernardino hat noch einen langen Weg vor sich. In Sevilla nimmt sich Las Casas des schwer erkrankten Ritters weiterhin an und ringt um dessen Seelenheil. Hier erzählt ihm Bernardino die Geschichte Lucayas, die gern allein auf einem Felsen am Meer saß und Muscheln aus der Tiefe holte, dann aber immer mehr den versklavten Männern und Frauen ihres Volkes half und mit ihnen zusammen in einer Kapelle betete, die der Ritter für die Sklaven hatte errichten lassen. Dort im Gebet erschien ihm Lucaya wie eine Heilige, und er begriff, dass etwas in ihr war, das ihm nie gehören konnte und das er achten musste. „Damals fühlte ich zum ersten Mal mein Leben auseinanderbrechen.“ Tiefe Scham habe ihn immer wieder erfüllt, wenn er sah, mit welcher Liebe sich Lucaya den Sklaven widmete. Die furchtbarste Schuld aber empfinde er darüber, so Bernardino, „dass ich dieses Wesen einhandelte wie ein Ding.“

Immer wenn sie den anderen bei der Arbeit half, erzählte Lucaya mit großer Freude von Jesus Christus, der zu den Leidenden auf die Erde herabgestiegen sei, um sie in seinem Reich auf ewig zu vereinen. Oft und immer mehr weint sie leise und herzbrechend über das Elend der Indios, und Bernardino lernte die Spuren immer tiefer werdenden Leidens auf ihrem Gesicht zu erkennen. Ihr Antlitz „war wie die durchsichtige Hülle unsäglichen Schmerzes“. Aber der Ritter saß zu tief in seiner Schuld fest, als dass das stille Mädchen seine Umkehr (schon jetzt) hätte bewirken können. Und der Ritter, als er erstmals in ihrem Leid herzliche Worte für sie findet, kann nun sie nicht mehr erreichen. „Ihr Herz war von Leid gesättigt und hatte keinen Platz mehr für die viel zu späte, armselige, verstockte Liebe“, die Bernardino ihr bot.

Schließlich blieb Lucaya nur noch in ihrer Kammer in unablässigem stillen Weinen. Der Ritter versuchte vergeblich einen Priester zu erreichen, der ihr hätte Trost spenden können. Da brachte er ihr sein eigenes Holzkreuz. „Eine Seligkeit, die ebenso unfassbar war wie ihr Leiden, ließ ihr Gesicht aufleuchten.“ Nur einmal noch – schon sterbend – fragt Lucaya den Ritter, ob er denn nicht fühle, dass er noch größerer Barmherzigkeit bedürfe als die Indios und dass sie um ihn ebensoviel Leid getragen habe wie um ihre Brüder und Schwestern.

Einige Zeit nach Lucayas Tod verkaufte der Ritter seinen Landbesitz, ließ – um Lucayas willen – die Sklaven frei, schenkte ihnen Land und kehrte mit Kisten voller Reichtümern nach Spanien zurück. Mehr und mehr wird er sich seiner Schuld bewusst. Im Kampf für die Rechte der Indios, den Las Casas führt, sagt Bernardino als Zeuge für ihn aus, um doch noch zu bestehen vor der toten Lucaya. Endlich kann er sich von seinen Besitztümern trennen, die durch die Hand seines Priestersohns den Indios zugutekommen sollen. Bernardino kann in Frieden sterben, nachdem er seine Schuld bekannt und bereut hat, die Seelen der Menschen missachtet zu haben und seinem Gewissen nicht gefolgt zu sein.

Las Casas: „Daran liegt es ja nicht, dass wir die Welt mit dem Kreuze durchdringen; … sondern es liegt alles daran, dass wir über unserer Mühe von ihm durchdrungen werden.“

In seinem Essay über Reinhold Schneiders Las Casas-Dichtung scheibt Joseph Ratzinger, dieser habe das Geheimnis des Gewissens „eindrucksmächtig“ in dem namenlosen Mädchen von den Lucayos dargestellt, das Bernardino langsam wieder das Geheimnis des Leidens verstehen ließ …“ (109f.) Das Eigentümliche des Glaubens sei ja, dass seine Macht im Leiden liegt, Macht des Gekreuzigten sei (117). Über Lucaya: „In der Demut ihres Leidens und in der Einfalt ihres Glaubens steht das Gewissen gleichsam rein, in seinem ungetrübten Wesen da.“ 119f.)

Monika Born

Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V., Suhrkamp 1986 (Insel 1952).
Joseph Ratzinger: Das Gewissen in der Zeit (1972), In: Lepanto-Almanach 2020, 106-125.

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