Von der Heiligkeit der Kirche

Auf ihr ziehen die Jahrtausende zu Gott

Wie gut, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Immer wenn ich dieses Geburtstagslied hörte war ich bisher unangenehm berührt von seiner Unlogik. Wer vermisst schon jemanden, den es nicht gibt, von dem er nicht wusste?

Heute finde ich den Text erstaunlich hellsichtig. Da sind zum Beispiel die abgetriebenen ungeborenen Kinder. Sie werden von ihren Müttern meist deren Leben lang vermisst. Viele von ihnen können sich von diesem toten Kind nicht lösen, denken an den Termin, an dem es wohl geboren wäre, geben ihm einen Namen. Sie vermissen das Kind, das nicht geboren wurde.

Und ein Zweites: An Pfingsten feiern wir das, was der Katechismus das Offenbarwerden der Kirche nennt. Pfingsten ist so etwas wie ihr Geburtstag und den Heiligen Geist, durch dessen Herabsendung sie endgültig wurde, hätten wir schon sehr vermisst. Jesus hat ihn den Jüngern und uns allen versprochen und hat Wort gehalten.

Ohne den Parakleten, ohne die durch seine Ankunft entstandene Gemeinschaft wären wir verloren. Joseph Ratzinger sagt von ihm „Gott ist durch den Heiligen Geist in unsere Einsamkeit hereingetreten und bricht sie auf. Das ist der wahre Trost – Trost nicht nur mit Worten, sondern Trost in der Kraft der Wirklichkeit.“

Wir hätten ihn sonst sehr vermisst. Wir vermissen ihn manchmal in der heutigen Lage der Kirche immer noch. Und doch ist er, den wir an Pfingsten mit seiner Kirche feiern, da. Und sie ist da mit all ihren Fehlern, aber auch mit all dem, was sie uns geben kann.

Wie gut, dass sie geboren ist. Denn sie – so sagt es der emeritierte Papst – „ist nicht äußere Organisation des Glaubens, sondern sie ist ihrem Wesen nach gottesdienstliche Gemeinschaft; sie ist am meisten Kirche, wo sie Liturgie feiert und die erlösende Liebe Jesu Christi vergegenwärtigt, die die Menschen als Liebe aus ihrer Einsamkeit erlöst, sie zueinander führt, indem sie sie zu Gott führt.“

Vielleicht die schönste Liebeserklärung an sie widmet ihr Gertrud von le Fort in ihren Hymnen an die Kirche*, wo sie in wunderbaren Worten deren Heiligkeit rühmt.

Deine Stimme spricht:
Ich habe noch Blumen aus der Wildnis im Arme,
ich habe noch Tau in meinen Haaren
aus Tälern der Menschenfrühe,
Ich habe noch Gebete, denen die Flur lauscht, ich weiß noch,
wie man die Gewitter fromm macht und das Wasser segnet.
Ich trage noch im Schoße die Geheimnisse der Wüste,
ich trage noch auf meinem Haupt
das edle Gespinst grauer Denker,
Denn ich bin Mutter aller Kinder dieser Erde:
was schmähst du mich, Welt, daß ich groß sein darf wie mein himmlischer Vater?
Siehe, in mir knien Völker, die lange dahin sind,
und aus meiner Seele leuchten nach dem Ew´gen viele Heiden!
Ich war heimlich in den Tempeln ihrer Götter, ich war dunkel in den Sprüchen aller ihrer Weisen.
Ich war auf den Türmen ihrer Sternsucher,
ich war bei den einsamen Frauen, auf die der Geist fiel.
Ich war die Sehnsucht aller Zeiten,
ich war das Licht aller Zeiten, ich bin die Fülle der Zeiten.
Ich bin ihr großes Zusammen, ich bin ihr ewiges Einig.
Ich bin die Straße aller ihrer Straßen:
auf mir ziehen die Jahrtausende zu Gott!

Ursula Zöller


*Gertrud von LeFort „Heiligkeit der Kirche“ in „Hymnen an die Kirche“, Katholische Dichter unserer Zeit Bd. 1, Herbert Gorski (Hrsg.), St. Benno Verlag GmbH, Leipzig

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