Ein Bonbon für Jesus

Damals hatten wir plötzlich den Weg verloren. Schon viele Tage waren wir unterwegs auf dem Pilgerweg nach Santiago di Compostella, hatten viel erlebt und gesehen. Aber nun wussten wir nicht mehr weiter. Wieder einmal nicht.

Unbarmherzig hatte die Sonne der vergangenen Tage durch die Fenster unseres Autos gebrannt und meine Hände immer mehr geschädigt. Sie zu verstecken ging nicht, weil Autofahren ohne Hände am Steuer eben auch nicht geht. Wir hatten keine Apotheke gesichtet und schließlich in einem Karmel nach der dortigen Krankenschwester gefragt. Auch sie hatte keine Salbe für solche Fälle; Sonnenbrände sind nicht die typschen Krankheiten von Klausurschwestern.

Zum Trost durften wir das kleine liebevoll gestaltete Museum betrachten und da saß eine Jesuskind auf einem Kinderstühlchen und hielt sich seine dickgeschwollene Backe. Natürlich – auch das göttliche Kind hat als kleiner Mensch Zähnchen bekommen und sicher auch Zahnweh gehabt. Ich hatte bisher nur nie darüber nachgedacht. Armes Jesuskind; aber schau, mir tun die Hände weh!

Im Ort versuchen wir nun Handschuhe zu erstehen. Aber es ist Sommer! Brauthandsschuhe? Das müsste immer gehen. Ja, aber nicht für große deutsche wunde Hände.

Bleibt nur noch der Verbandskasten. Die über die Handgelenke hinaus reichenden Verbände verleihen mir das Aussehen einer verhinderten Selbstmörderin auf Pilgerreise. Die Blicke der Anderen sind mitleidig bis nachdenklich.

Und nun suchen wir einen Weg auf jenen Berg, von dem aus der heilige Jakobus – auf einem Schimmel, mit einem Schwert bewaffnet – nach der Legende in die Schlacht zwischen Mauren und Christen eingegriffen und den Seinen zum Sieg verholfen hat.

Ein Priester am Wegrand. Ob er uns weiterhelfen kann? Natürlich, antwortet er meiner spanisch sprechenden jungen Kollegin, natürlich, denn dort oben war er jahrelang Pfarrer. Er vertraut sich unseren Fahrkünsten an und während sich der Wagen auf der schmalen Straße nach oben kämpft erzählt er uns von seiner Pfarrei und seinem Leben.

Dann endlich schauen wir durch einen Spalt in einem bizarren Felsen hinunter ins Tal und denken an all die Menschen, die hier ihr Leben verloren und für ihren Glauben gekämpft haben.

Als wir unseren Begleiter nach Hause bringen, bittet er uns, mit ihm in sein Zimmer zu gehen. Er möchte uns am Schluss unseres Zusammenseins noch etwas zeigen. Der Raum in dem Altersheim, in dem er nun dem Ende seines Lebens entgegen sieht, ist klein und nicht sonderlich schön. Ein Schrank, ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett, diese paar Dinge reichen dem ehemaligen Pfarrer nun offensichlich aus. Doch auf dem Nachtschränkchen neben dem Bett liegt die schöne hölzerne Figur eines Jesuskindes.

Der Priester nimmt es für einen Augenblick in den Arm und deutet auf das Bonbon daneben. Das liegt dort immer, sagt er, es ist schließlich ein Kind! Ein bißchen verschmitzt und sehr zärtlich schaut er es an.

Ich habe den Namen des Geistlichen vergessen, der inzwischen lange schon bei Dem sein wird, den er in seinem kleinen Zimmer im Altersheim in seinen Armen hielt, dem er sein ganzes Leben und immer mal ein Bonbon schenkte. Aber den Blick dieses gestandenen alten Mannes voll kindlicher Liebe und Zärtlichkeit kann ich nicht vergessen. Solch ein Blick auf unseren Herrn und Erlöser wäre das Ziel eines gesegneten Advents, Ziel auch eines ganzen Lebens.

Ursula Zöller

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