Die entscheidende Rolle der Frau

Ein Gedankenimpuls zur Rolle der Frau in der Kirche

Schaut man auf die gegenwärtige Diskussion in der Kirche, vor allem in Bezug auf die derzeit laufende Amazonassynode und den in Deutschland eingeschlagenen Synodalen Weg, erscheint “Die Rolle der Frau in der Kirche“ als eines der wichtigsten Themen. Die Diskussion geht von der Annahme aus, dass die Rolle der Frau, wie sie seit 2000 Jahren in der Kirche verstanden wird, im Widerspruch zur gleichberechtigten Stellung der „Frau von heute“ steht. Als einzige Lösung dieser Spannung wird selbst von hochrangigen kirchlichen Persönlichkeiten die Angleichung an die weltlichen Maßstäbe gesehen. Gerade angesichts der allgemeinen Situation der westlichen Kirche mit ihrem gewaltigen Rückgang der Gläubigen, das wie das Sterben eines Baumes anmutet, ist es sehr verwunderlich, dass man sich Rettung durch den Blick auf all die äußeren Einflüsse erhofft, statt sich auf die Wurzeln zu besinnen. Neues Leben wird nur erwachsen, wenn man auf das schaut, woraus die Kirche ihr Leben bezieht: aus Jesus Christus und dem, was die Heilige Schrift und die Tradition der Kirche verkünden und was die Heiligen gelebt haben.

Was heißt das nun in Bezug auf die Rolle der Frau in der Kirche?

Es bedeutet, dass diese Rolle nur verstanden und gelebt werden kann, wenn man auf die Berufung der Frau schaut, nämlich auf das, was Gott von Anfang an in die Frauen hineingelegt hat, wozu ER sie bestimmt und gerufen hat.

Nun ist „Berufung“ ein recht abstraktes Wort, das manchmal beliebig verwendet wird, was man an den Aussagen der Frauen erkennen kann, die „sich zum Priestertum berufen fühlen“. Doch kann ein Gefühl die Wahrheit Gottes über mein Leben widerspiegeln? Was bedeutet dann aber die „Berufung der Frau“ – von Gott her gesehen und was bedeutet es konkret für mein Leben?

Diese Fragen beschäftigen mich seit einigen Jahren. Eine deutliche Antwort darauf habe ich bei der Frau gefunden,  die Gott erwählt hat, Mutter seines Sohnes zu werden. Wie Maria ihre Berufung als Frau versteht, kommt für mich beim Geschehen der Hochzeit von Kana (Joh 2,1-12) am eindrucksvollsten zum Ausdruck:

Das Weinwunder ist beim Evangelisten Johannes das erste Zeichen der göttlichen Vollmacht Jesu; bis dahin hatte Jesus im Verborgenen gelebt. Er führte 30 Jahre lang ein ganz normales Leben als jüdischer Mann. Dabei wussten Maria und Jesus, dass dies nicht die eigentliche Bestimmung von Jesus war und ich stelle mir vor, dass beide in einer gewissen Spannung lebten, wann  denn endlich das göttliche Auftreten von Jesus beginnen sollte. So hatte Johannes der Täufer kurz vor der Hochzeit in Kana Zeugnis über Jesus als Sohn Gottes abgelegt und Jesus hatte die ersten Jünger um sich gesammelt, als dann die Hochzeitsfeier stattfand. Und da geschieht das Erstaunliche: Maria erfasst die Situation als Erste und erkennt, dass der Moment gekommen ist, in dem Jesus seine Göttlichkeit zeigen soll. Selbst Jesus ist darüber erstaunt. Aus seinen Worten „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ spricht das Unverständnis darüber, dass er handeln soll. Aber im weiteren Verlauf des Geschehens erkennt man, dass dies wirklich Gottes Wille war und dass er durch seinen Geist der Mutter Jesu den richtigen Augenblick gezeigt hat. Man kann sich fragen, warum gerade Maria diese Erkenntnis empfangen hat, wo doch auch Jesus aufs Tiefste mit seinem Vater verbunden war und seinen Willen zu erkennen suchte. Ich glaube, dass Gott sich dabei der Gabe bediente, die er den Frauen mit der Fähigkeit zur Mutterschaft mit dazu geschenkt hat: die Gabe, mit mütterlichem Herzen die Dinge zu erfassen und dadurch eine Not eher und tiefer zu erkennen, als ein Mann dies tut. Maria ist also diejenige, die Gottes Plan zuerst erfasst. Sie nimmt damit die entscheidende Rolle in dieser Situation ein. Dabei bleibt sie aber bescheiden im Hintergrund und schreibt Jesus nicht vor, was er zu tun hat. Nein, sie weist einzig auf die Not hin: „Sie haben keinen Wein mehr“ – und Jesus wird sofort klar, dass Maria mit ihren Worten etwas bezweckt. Er versteht ihre unausgesprochene Aufforderung, denn er weist sie zurück: „Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Doch Maria ist sich ihrer Sache sicher. Sie, die ihr Leben lang immer auf Gottes Stimme gehört und nach seinen Plänen gehandelt hat, ergreift die Initiative und gibt den Dienern die Anweisung: “Was er euch sagt, das tut!“ Die Frau, die Jesus in diese Welt hineingeboren hat, geht ihm nun voran, um ihn in sein neues Leben hineinzuführen – aus dem Leben in der Verborgenheit hinein in das Leben in der Öffentlichkeit, aus dem Leben der Menschlichkeit in das Leben des Messias. Was für eine wunderbare Berufung von Maria: Sie darf durch ihre mütterliche Gabe mithelfen, dass Jesus seine Berufung entfalten kann. Und auf welche Weise tut sie dies? Die Anweisung an die Diener sind dann ihre letzten Worte. Alles Weitere überlässt sie ihm. Denn eine Frau, die um ihre Berufung weiß, kann sich zurücknehmen. Die Mutter, die ihr Kind umsorgt, genährt und durch den Einsatz ihres ganzen Lebens ihm zum Wachsen verholfen hat, darf sich nun am Aufblühen der Berufung ihres Sohnes erfreuen. Die Frau, die Gott zur leiblichen Mutter seines Sohnes erwählt hat, erfüllt ihr Muttersein somit auch im geistlichen Sinn.

Für mich ist es ein wunderbares Beispiel dafür, was „Berufung der Frau“ bedeutet: Wir Frauen sind von Gott her gerufen, mit unserer mütterlichen Art dafür zu sorgen, dass menschliches Leben wachsen und sich entfalten kann.

Man könnte einwenden, dass man diese Berufung doch auch als Priesterin erfüllen könnte. In meinen Augen gibt es darauf nur eine richtige Antwort: Jesus hat keine Frauen in den Kreis seiner Jünger aufgenommen. Dies kann man als typisches Verhalten seiner Zeit erklären, das für unsere Zeit heute keine Bedeutung mehr hat. Auch kann man gegen die daraus folgende Praxis, Frauen nicht zu Priesterinnen zu weihen, eine Protestbewegung errichten, man kann dagegen demonstrieren, Gleichberechtigung fordern, Unterschriften sammeln und an den Papst schreiben – oder man kann dies als gegebene Tatsache annehmen und versuchen, den Sinn dahinter zu erkennen. Für mich kommt nur Letzteres in Frage. Warum? Weil ich Gott erfahren habe als Gott, der es gut mit mir meint und der mein Bestes will und weil ich glaube, dass sein Sohn, der Frauen auf ungewöhnlich wertschätzende Weise behandelte, sie an diesem Punkt nicht diskriminieren wollte, sondern für sie auch immer nur das Beste im Blick hatte: sie in ihre ganz eigene, wunderbare Berufung hineinzuführen.

Für die konkrete Umsetzung dieser Berufung gibt die katholische Kirche ja keinen weiteren Rahmen vor. Ob als Ehefrau, Mutter, Alleinlebende oder Ordensfrau, ob als Unternehmerin, Hausfrau oder Angestellte, ob als Caritashelferin oder Katechetin – überall sind Frauen gerufen, sich mit ihren mütterlichen Gaben und Fähigkeiten dafür einzusetzen, dass andere Menschen wachsen und sich entfalten können.

Es ist ein so wichtiger Auftrag – und nur wir Frauen können ihn erfüllen.

Claudia Feichtinger

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