Schwester Hildegardis Wulff

Auf der Suche nach dem Wahren und Großen

Schwester Hildegardis (Lieselotte Wulff) entstammte einer protestantischen Mannheimer Industriellenfamilie und wurde am 8. September 1896 geboren. Sie studierte Germanistik und Geschichte in Bonn und Heidelberg. Nach eigenen Aussagen begann sie ihr Studium in Heidelberg mit hohen Erwartungen und Idealen, wurde aber rasch enttäuscht: Glaube und Religion brachen zusammen, von ihren Freunden wurde sie enttäuscht. Sie war auf der Suche nach dem Wahren und Großen. In der Wissenschaft fand sie es nicht. Sie fand es in der katholischen Kirche, die sie schon während ihres Geschichtsstudiums zu schätzen lernte.

1918 konvertierte sie. Sie erlebte mit dem Ende des ersten Weltkrieges die damalige Not, die Wirren infolge des Zusammenbruchs der bürgerlichen Ordnung und hörte von neu gegründeten Orden und Säkularinstituten, die den Kampf mit dem Elend der Zeit aufnahmen. Lieselotte Wulff schloss sich in Freiburg einer Ordensfrau an, mit der sie den Benediktinerorden St. Lioba gründete. Nach einer Aufbauphase und siebenjähriger Tätigkeit im neuen Orden wurde Sr. Hildegardis von Banater Schwaben nach Rumänien eingeladen. Sie sollte sich um das katholische deutsche Banater Schwabenvolk kümmern, das geistig-religös vernachlässigt war.

Sr. Hildegardis fuhr von Dorf zu Dorf, lehrte den Katechismus und das kirchlich liturgische Leben, das liturgische Jahr mit den Heiligenfesten, gab Erziehungslehre, hielt Vorträge über Ehe und Familie, gab Heimatkunde und organisierte Bildungskurse für Jugendliche und Erwachsene insbesondere für die Mädchen und Frauen, was es bis dahin nicht gab. Mitschwestern unterstützten sie tatkräftig. Eine klösterliche Niederlassung konnte sie in Temesvar im guten Einvernehmen mit der Diözese gründen. Sie wurde Priorin. Da der Konvent an Schwestern zunahm, konnte man an weitere Einrichtungen denken: eine Mädchenvolkshochschule, ein Spital, ein kleines Altersheim und ein Kindertagesheim. Alles war auf die arme Bevölkerung abgestimmt.

Die Entwicklung lief gut, bis ab 1938 nazionalsozialistische Propagandatrupps die NS-Ideologie unter den banater Schwaben verbreiteten und eine Gleichschaltung der Vereine betrieben. Sr. Hildegardis hielt ihre Jugend zusammen und weigerte sich, diese abzugeben. Sie wurde verleumdet, ihre Veranstaltungen wurden gestört. Da sie die rumänische Staatsbürgerschaft hatte, wurde sie nicht nach Dachau gebracht. Dann zog die deutsche Wehrmacht durch das Land. Im Kloster wurden Soldaten betreut, wobei die Katholiken Nachrichten über das Treiben der Nazis in der Heimat brachten.

Ab 1943 stellte sich Sr. Hildegardis mit ihren Schwestern auf Menschen ein, die mit rumänischen Truppenteilen aus dem kommunistischen Russland flohen. Auch für Juden wurde das Kloster Zufluchtsstätte. Sie wurden ohne Religionsangaben  eingeschrieben. Schließlich konnten die Schwestern noch mit einem Kinderhilfswerk und einem Hilfswerk für Heimkehrer große Not lindern helfen. Mit der vollständigen Übernahme der Macht durch die Kommunisten wurden die Schwestern enteignet, und konnten ihr Leben im Konvent nicht mehr weiterführen. Eine heftige Verfolgung der katholischen Kirche setzten die Kommunisten in Gang. Sr. Hildegardis wurde 1950 verurteilt und musste neun Jahre im Zuchthaus die willkürlichen Schikanen des Systems ertragen. 1959 wurde sie mit anderen, für sie völlig überraschend, entlassen. In den folgenden Jahren konnte sie noch Schwestern aus ihrer Gemeinschaft besuchen, die sich aufgrund der kommunistischen Verfolgung zerstreut hatten. Sr. Hildegardis starb am 20. Oktober 1961. Im Rückblick auf die Zeit der Gefangenschaft schreibt sie: „Mir persönlich gab Gott die große Gnade, in dieser nicht zu übertreffenden irdischen Finsternis trostreiche und hoffnungsvolle Wege zu IHM zu finden und die Kraft, mein ganzes Leben und meine Zukunft bedenkenlos und vertrauensvoll in seine Hand zu legen“ (S. 151)

Gerhard Stumpf

Quelle: Landsmannschaft der Banater Schwaben (Hrsg,), Schwester Hildegardis − Weg, Werk und Vermächtnis, Eigenverlag 1996
Zuerst erschienen in: Der Fels 1/2019

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