Der Brief von Papst Franziskus an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“

Papst Franziskus schreibt einen Brief an das „pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ und erinnert an seine Ansprache beim Ad-limina-Besuch der Deutschen Bischofskonferenz von 2015

Am Hochfest Peter und Paul (29. Juni) hat Papst Franziskus sich mit einem Brief an die Katholiken Deutschlands gewandt. Direkt zu Beginn seines Schreibens bezieht er sich auf seine Ansprache an die deutschen Bischöfe anlässlich ihres Ad-limina-Besuches im November 2015 in Rom. Der Papst betont, dass er seinen Brief durchaus im Sinne seiner damaligen Ausführungen verstanden wissen will, deshalb erfolgt an dieser Stelle ein Rückblick darauf.

Die Ansprache an die Deutsche Bischofskonferenz vom 20. November 2015

In seiner Ansprache beschrieb der Heilige Vater die „Erosion und den Verfall des Glaubens“ in Deutschland, was er am Rückgang der sonntäglichen Messbesucher gerade auch in traditionell katholischen Gegenden und am Rückgang bzw. Verschwinden der Beichte und den von den Gläubigen immer weniger in Anspruch genommenen Sakramenten festmachte. Ferner haben die Zahlen der Priesterberufungen und für das gottgeweihte Leben „drastisch abgenommen“.

Der Papst machte seinerzeit einen „neuen Pelagianismus“ aus, der sein Vertrauen in die Verwaltung, „den perfekten Apparat“ setzt und in einer übertriebenen Zentralisierung das Gemeindeleben kompliziere und vor allem die Dynamik für die Evangelisierung hemme. Für die Schaffung immer neuer Strukturen fehlten die Gläubigen, so der Papst. Das Gebot der Stunde sei für ihn daher, die „pastorale Neuausrichtung“, in der die gewöhnliche Seelsorge in allen Bereichen expansiver und offener, „die Strukturen missionarischer“ werden müssten. Dies sei in einer „verweltlichten“ Gesellschaft schwierig. Aber es müssten alternative Wege und Formen von Katechese herausgebildet werden, die dabei helfen, „den allgemeinen Glauben authentisch und froh wiederzuentdecken“. Papst Franziskus mahnte, dass der Bischof hierfür unerlässlich sei, der als „Lehrer des Glaubens“ der universalen Kirche den überlieferten und gelebten Glauben vermittle und seinen Hirtendienst gewissenhaft erfülle. Dabei seien auch die Lehrenden an den theologischen Fakultäten zu begleiten und ihnen zu helfen, „die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten“. Diese Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspreche nicht akademischer Freiheit, erfordere aber die Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes.

Franziskus unterstrich, dass dem Bischof vor allem das sakramentale Leben, und hier vor allem die Beichte und die Eucharistie, in den Gemeinden seiner Diözese am Herzen liegen müsse. Gerade auch das Sakrament der Buße und der Versöhnung müsse neu entdeckt werden. „Ich vertraue darauf, dass… dieses für die Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet.“

Ebenso wichtig ist für den Papst, die „innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum“ stets klar sichtbar zu machen. Den geweihten Priestern müsse in den Pastoralplänen die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des „Leitens, Lehrens und Heiligens“ im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beigemessen werden.

Der Papst unterstrich, dass die in den Gemeinden geleistete „wertvolle Hilfe“ von Laienchristen im Leben der Gemeinde nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden „oder ihn sogar als optional erscheinen“ lassen darf. „Ohne Priester gibt es keine Eucharistie“, betonte er ausdrücklich.

Abschließend erinnerte der Papst die Bischöfe daran, dass sie einen „nicht hoch genug einzuschätzenden Auftrag“ zum Schutz des Lebensrechtes haben. Die Kirche sei die „Anwältin des Lebens“ und dürfe keine Abstriche oder Kompromisse beim Schutz des menschlichen Lebens machen.

Der Brief des Papstes an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom 29. Juni 2019

Der Papst dankt in seinem Schreiben zunächst für die von deutscher Seite aus geleisteten Hilfen in der Weltkirche. Sodann ermutigt er die Gläubigen, weiter an der Freundschaft mit den Protestanten zu arbeiten und die erreichten Fortschritte auszubauen.

Auch in seinem Schreiben stellt der Papst die „Erosion und den Verfall des Glaubens“ in Deutschland fest. Der Rückgang sei facettenreich, so der Papst, und „weder bald noch leicht zu lösen“. Die Problemlösung verlange aber ein ernsthaftes und bewusstes Vorangehen, wofür die Bischöfe den „Synodalen Weg“ vorgeschlagen hätten.

Der Papst begrüßt diesen Weg, weist aber darauf hin, dass es sich dabei um einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzes Volkes über Jahre handelt, in dem Prozesse entstehen und fortgeführt werden, die das Volk Gottes aufbauen, „statt nach unmittelbaren Ergebnissen mit voreiligen und medialen Folgen zu sehen“.

Er betont, dass die derzeitige Situation viel mehr bedarf als einer strukturellen, organisatorischen und funktionellen Reform. Diese berührten in keiner Weise „die vitalen Punkte, die der Aufmerksamkeit bedürfen“.

Ausdrücklich warnt der Papst vor dem Gedanken, „die beste Antwort… bestehe in einem Reorganisieren der Dinge, in Veränderungen und in einem „Zurechtflicken“, um so das kirchliche Leben zu ordnen und zu glätten, indem man es der derzeitigen Logik oder der einer Gruppe anpasst.“ Damit würden Spannungen nur scheinbar beseitigt und es wäre eine „Sünde der Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung gegen das Evangelium“.

Auch dürfe nicht vergessen werden, „dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen“.

Immer wieder betont der Papst, wie wichtig es sei, auf die Gnade des Herrn zu vertrauen, der die Initiative ergreifen wird. Sie müsse im Mittelpunkt stehen, sonst bestünde die Gefahr, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren und aufrechtzuerhalten.

Unser Gläubig-Sein bestünde nicht darin, unsere Sendung und unseren Daseinsgrund an Prognosen und Umfragen oder Ergebnissen von Pastoralplanungen auszurichten. Ohne einen vom Evangelium inspirierten Geist, „ohne Treue der Kirche gegenüber und ihrer eigenen Berufung“ werde jede neue Struktur in kurzer Zeit verderben. Ein Wandlungsprozess könne nicht ausschließlich auf äußere Fakten und Notwendigkeiten reagieren, sondern verlange eine pastorale Bekehrung. Das Evangelium müsse gelebt und transparent gemacht werden.

Deshalb sei die Evangelisierung, die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche, das Leitkriterium aller Anstrengungen schlechthin, das uns zeige, welche Schritte zu gehen seien. Das bedeute nicht eine Anpassung an den Zeitgeist.

Das Hauptaugenmerk sei darauf zu richten, wie „wir die Freude am Evangelium mitteilen“. Erneut gemahnt der Papst uns zur Öffnung, zum Hinausgehen auch an die Ränder, um nahe am Leben der Menschen zu sein. Die Frage, was der Geist heute der Kirche sage, um die Zeichen der Zeit zu erkennen sei keine Anpassung an den Zeitgeist.

Dann kommt er ausführlich auf die Synodalität zu sprechen. Sie müsse sich auf den verschiedenen Ebenen des kirchlichen Lebens entfalten. Darin würde sichergestellt, dass der „Sensus ecclesiae“ (der Glaubenssinn der Kirche) in jeder Entscheidung lebte. Die Weltkirche lebte in und aus den Teilkirchen ebenso wie jede in und aus ihr lebten und erblühten. Würden die Teilkirchen von der Weltkirche getrennt, „würden sie sich schwächen, verderben und sterben“.

Bei den anstehenden Fragestellungen solle man den Weitblick nicht verlieren. Der „Sensus ecclesiae“ weite hier unseren Horizont, aus dem heraus Antworten auf die dringenden Fragen gefunden werden könnten. Er sei die Quelle der lebendigsten und vollsten Tradition, die uns vor „Eigenbrötelei“ und „ideologischen Tendenzen“ bewahre. Gott wandele an unserer Seite und stütze unsere Schritte. Auf ihn zu hören verhindere, „immer etwas Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes uns geschenkt hat“.

Die „synodale Sichtweise“ ließe die Gesamtheit erkennen und sei zentrales Element der Evangelisierung und des „sensus ecclesiae“, die bestimmende Elemente der „DNA“ unserer Kirche seien.

Deshalb sollten „begrenzte Sondersituationen“ nicht in den Vordergrund gestellt, sondern immer der Blick geweitet werden, um ein größeres Gut zu erkennen, „das uns allen Nutzen bringt“. Immer wieder erinnert der Papst daran, wie wichtig es sei, auf den Heiligen Geist zu hören, ihn wirken zu lassen und auf die Gnade Gottes zu vertrauen.

Abschließend bittet der Heilige Vater auch die deutschen Gläubigen um das Gebet für ihn.

Reaktionen auf den Brief

Wie nicht anders zu erwarten, wird der Brief des Papstes – je nach Interessenlage – ganz unterschiedlich bewertet.

In einer gemeinsamen Stellungnahme haben der Vorsitzende der DBK, Kardinal Marx, und der Vorsitzende des ZdK, Thomas Sternberg, erklärt, sie fühlten sich in ihrem Vorhaben, den „Synodalen Weg“ zu beschreiten, vom Papst bestätigt. Das zentrale Anliegen des Papstes sei „Kirche als starke geistliche und pastorale Kraft, die das Evangelium in die Gesellschaft hinein vermittelt und glaubwürdig verkündet…“ Man sei als Kirche in Deutschland gefordert, „Vertrauen neu zu gewinnen“. Voraussetzung für den „Synodalen Weg“ seit auch „eine geistliche Ausrichtung, die sich nicht in Strukturdebatten erschöpfen darf“. Man wolle den Brief des Papstes beim „Synodalen Weg“ „intensiv bedenken“. Am 5. Juli werde auf einer bereits geplanten gemeinsamen Konferenz von DBK und ZdK der Brief besprochen und weitere konkrete Schritte für den „Synodalen Weg“ vereinbart. Den gesamten Wortlaut der Pressemitteilung finden Sie hier: https://www.dbk.de/presse/aktuelles/meldung/papst-franziskus-schreibt-brief-an-das-pilgernde-volk-gottes-in-deutschland/detail/

Neben der gemeinsamen Erklärung von DBK und ZdK haben auch einzelne Bischöfe bzw. Vertreter der Bistümer Stellungnahmen zum Schreiben des Papstes abgegeben. Eine Übersicht finden Sie nachstehend.

https://www.bistum-aachen.de/aktuell/nachrichten/nachricht/Statement-Bischof-Dr.-Helmut-Dieser-zum-Brief-von-Papst-Franziskus-an-das-pilgernde-Volk-Gottes-in-Deutschland/?instancedate=1561806876000

https://bistumlimburg.de/beitrag/bestaerkung-auf-dem-synodalen-weg/

https://www.erzbistum-koeln.de/news/Kardinal-Woelki-Der-Papst-spricht-mir-aus-dem-Herzen/

https://www.drs.de/service/presse/a-grosse-freude-ueber-brief-von-papst-franzi-00006709.html

https://www.bistum-regensburg.de/news/synodaler-prozess-so-nicht-6826/

https://www.kirche-und-leben.de/artikel/genn-ruft-zum-bistumsweiten-dialog-ueber-den-papstbrief-auf/

Die Katholischen Frauen Deutschlands (kfd) sind dem Papst dankbar für seinen Brief und die Unterstützung des „Synodalen Weges“, dennoch sind sie unzufrieden, dass er nicht auf „die Geschlechtergerechtigkeit und die vielen Fragen von Frauen“ eingeht.

https://www.kfd-bundesverband.de/aktuelles/artikel/kfd-zum-papstbrief-synodaler-weg/

Eine sehr gelungene Kommentierung der Lesart des Briefes und wie diese vorbereitet wurde hat der Journalist Peter Winnemöller verfasst: http://www.kath.net/news/6840

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