Der Synodale Weg in Deutschland

Am Ende ihrer Frühjahrsvollversammlung im niedersächsischen Lingen (Bistum Osnabrück) im März 2019 hat die Deutschen Bischofskonferenz (DBK) mit 62 Ja-Stimmen bei vier Enthaltungen einen neuen Dialogprozess für die deutsche Katholische Kirche beschlossen, der in der öffentlichen Diskussion inzwischen als „Synodaler Weg“ oder auch „Synodaler Prozess“ geläufig ist.

Unter dem Eindruck der Ergebnisse der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (kurz: MGH-Studie)* über die Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland, die bei der Herbstvollversammlung 2018 vorgestellt wurde, hatte man seinerzeit beschlossen: „Die für die katholische Kirche spezifischen Herausforderungen, wie die Frage nach der zölibatären Lebensform der Priester und nach verschiedenen Aspekten der katholischen Sexualmoral werden wir (die deutschen Bischöfe, Anmerkung des Verfassers) unter Beteiligung von Fachleuten verschiedener Disziplinen in einem transparenten Gesprächsprozess erörtern.“

Hierfür wurde bei der Frühjahrsvollversammlung nun eigens ein Studientag gehalten unter der Überschrift „Die Frage nach der Zäsur – Studientag zu übergreifenden Fragen, die sich gegenwärtig stellen“.

In der Erläuterung der DBK zum „Synodalen Weg“ ist zu lesen: „Erschütterungen verlangen besondere Vorgehensweisen… Die Kirche in Deutschland erlebt eine Zäsur. Der Glaube kann nur wachsen und tiefer werden, wenn man frei  wird von Blockierungen des Denkens, wenn man sich der freien und offenen Debatte stellt und die Fähigkeit entwickelt, neue Positionen zu beziehen und neue Wege zu gehen.“

Deshalb wurde ein „verbindlicher Synodaler Weg“ beschlossen, der eine „strukturierte Debatte“ über die wichtigen Fragen ermöglichen soll. Man wolle mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), so der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, Formate für „offene Debatten“ finden und sich an „Verfahren binden, die eine verantwortliche Teilhabe von Frauen und Männern aus unseren Bistümern ermöglichen. Wir wollen eine hörende Kirche sein. Wir brauchen den Rat von Menschen außerhalb der Kirche.“

Die DBK legte für diesen „Synodalen Weg“ folgende Themen fest:

  • Klerikaler Machtmissbrauch, der auch den sexuellen Missbrauch begünstigt habe, und das Vertrauen von Menschen auf der Suche nach religiösem Halt und Orientierung verrate. Man wolle Macht abbauen und eine „gerechtere und rechtlich verbindliche Ordnung“ aufbauen. Um Fälle von Missbrauch schneller behandeln zu können, sollen Verwaltungsgerichte eingesetzt werden.
  • Die Frage, wie weit der Zölibat zum Zeugnis des Priesters gehören muss. „Wir wissen“, so Kardinal Marx „dass die Lebensform der Bischöfe und Priester Änderungen fordert“.
  • Und schließlich wird auch die kirchliche Sexualmoral auf der Tagesordnung stehen, denn sie habe entscheidende Kenntnisse aus der Theologie und den Humanwissenschaften bisher nicht rezipiert. In der Folge gebe die Moralverkündigung der Kirche der „überwiegenden Mehrheit der Getauften“ keine Orientierung mehr. Man spüre eine eigene Sprachunfähigkeit in den Fragen des heutigen Sexualverhaltens.

Der „Synodale Weg“ wird derzeit vorbereitet und die oben genannten Themenkomplexe in drei Foren unter der Federführung jeweils eines Bischofs behandelt:

  1. Forum „Macht, Partizipation, Gewaltenteilung“ (verantwortlich Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann, Speyer)
  2. Forum „Sexualmoral“ (verantwortlich Bischof Dr. Georg Bätzing, Limburg)
  3. Forum „Priesterliche Lebensform“ (verantwortlich Bischof Dr. Felix Genn, Münster)

Auf Wunsch des der ZdK wurde schließlich ein viertes Forum eingerichtet zum Thema „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“, für das der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode verantwortlich ist. Während die Besetzungen der ersten drei Foren bereits bekannt sind, wurde für das vierte Forum bislang keine Namensliste veröffentlicht.

Im Mai 2019 beschloss das Zentralkomitee der deutschen Katholiken auf seiner Vollversammlung in Mainz mit deutlicher Mehrheit die Beteiligung an der Vorbereitung und Gestaltung des „Synodalen Weges“. Eine abschließende Entscheidung über die Teilnahme  wird die nächste Vollversammlung des ZdK fällen, wenn die Konkretisierungen des „Synodalen Weges“ vorliegen. Man werde sich beteiligen, sofern eine „Offenheit der Beratungen“ und die „Verbindlichkeit der Beschlüsse“ durch die „beteiligten Partner“ gewährleistet seien.

Am 13. und 14. September dieses Jahres wird  in einer gemeinsamen Sitzung von Bischöfen, Mitgliedern des ZdK und weiteren Personen die Ausgestaltung festgelegt.  Zeitpunkt und Dauer der „strukturierten Debatten“ sollen bis dahin feststehen. Am 1. Advent soll der „Synodale Weg“ dann voraussichtlich beginnen.

Das Konstrukt des „Synodalen Weges“

Der „Synodale Weg“ ist ein neues Konstrukt, das im Kirchenrecht nicht verankert ist, aber die Verbindlichkeit einer Synode herstellen soll, ohne deren rechtlichen Anforderungen zu genügen. Eine Synode hätte beim Papst beantragt werden müssen. Die Beschlüsse, die im Dialog des „Synodalen Weges“ gefasst werden, sind kirchenrechtlich nicht verbindlich.

Kardinal Marx äußerste sich wenige Tage nach der Vollversammlung vor dem Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum München-Freising dazu wie folgt: „Wir hätten nicht anfangen können, wollen aber nicht mehr warten.“ Dass der Dialogprozess rechtlich keine Synode sei, bedeutet für den Kardinal aber nicht, dass der geplante Weg unverbindlich sei. Die „systemische Frage“ werde weltkirchlich noch ausgeklammert, man müsse das aber „immer wieder einbringen.“ Die katholische Kirche müsse sich bewegen. „Warum nicht einen gewissen Druck, einen gewissen Veränderungswillen sichtbar machen?“

Der „Synodale Weg“ wird vielmehr als „gemeinsamer Weg des Volkes Gottes“ verstanden, wie die Internationale Theologische Kommission von Papst Franziskus in ihrem Schreiben „Die Synodalität in Leben und Sendung der Kirche“ formuliert . Denn im Gegensatz dazu bezieht sich die kirchenrechtlich definierte Synode auf eine beratende, beschließende und gesetzgebende Versammlung von Bischöfen bzw. auf Diözesanebene aus Laien und Klerikern, die sich mit doktrinalen, liturgischen, kanonischen und pastoralen Fragen der Zeit auseinandersetzt.

Papst Franziskus stellte wiederholt fest, dass die Kirche des 3. Jahrtausends eine synodale Kirche sein müsse, die vom gegenseitigen Zuhören geprägt ist. Für die Bischöfe seien dabei die Alltagsprobleme der Menschen ausschlaggebend. Für den Papst ist die Beteiligung des gesamten Gottesvolkes am Leben und an der Sendung der Kirche konstitutives Element der Kirche. Im synodalen Prozess sei die Kirche als Gottesvolk, als Gemeinschaft und Weggemeinschaft, miteinander auf dem Weg und jeder Getaufte nehme am Auftrag der Evangelisierung teil.


*Das Kürzel MHG steht für die Städte, in denen die an der Studie beteiligten Institute angesiedelt sind: Zentralinstitut für seelische Gesundheit, Mannheim, Institut für Kriminologie, Universität Heidelberg, Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg, Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Universität Gießen

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