Durch Maria zu Jesus

Für eine junge Muslimin wurde die Mutter Jesu das Tor zum Empfang der Taufe

Kirchen wirkten auf Naina D. (Name geändert) bedrohlich. Kalt. Dunkel. Aber auch faszinierend. Sie hätte eine katholische Kirche gern von innen gesehen, traute sich aber nicht allein hinein. Und katholische Freundinnen sagten, es würde sie nur langweilen. Das war damals, als sie irgendwo zwischen vielen Religionen stand und nicht wusste, wo sie sich hinwenden sollte.

Naina war Muslimin gewesen, hat ihrem Glauben abgesagt und dadurch ihre Familie verloren. Die junge Frau mit braunem, halblangem, lockigem Haar schaut wach und fröhlich durch ihre großen Brillengläser. Sie wirkt entspannt. Keine Spur von Traurigkeit. Grund dazu hätte sie. 

Einige Zeit, nachdem Naina von Zuhause ausgezogen war, erkundigte sich ihre Mutter, ob sie noch Muslimin sei – hatte Naina damals oft kritische Fragen über den Islam gestellt – ein No-go, erklärte Naina, „jede Frage galt bei meiner Familie als Gotteslästerung.“ Als sie wissen wollte, ob nicht-Muslime, die richtig gute Menschen sind, in den Himmel kommen, habe der Vater geantwortet: „Nicht-Muslime kommen nicht in den Himmel.“

Naina runzelt die Stirn als hätte sie die Antwort gerade erst gehört. „Wie unbarmherzig ist das denn“, ruft sie. Das machte für sie keinen Sinn. Und so wurde Naina immer mehr zu einer Muslimin „mit 1000 Ausnahmen“. Sie habe immer öfter gesagt: „Ich bin Muslim, mache aber dies nicht, glaube jenes nicht.“ Irgendwann brach sie mit dem Islam. Und so antwortete sie ihrer Mutter: „Nein.“ Besorgt um das Seelenheil ihrer Tochter, redete sich die Mutter in Rage, bis sie Naina entgegenbrüllte, dass sie in die Hölle käme. „Beruhig dich erst, dann ruf wieder an“, sagte diese und legte auf. 

Ihre Mutter sollte nie mehr anrufen, schickte aber einen Brief: „ Wenn Du wieder Muslimin wirst, wird dich deine Familie wieder aufnehmen.“ Die Familie zu verlieren, war schwierig für die junge Frau, die sich heute aus Vorsicht bedeckt hält und anynom bleiben will. Sie habe aber eine neue Familie gefunden, enge christliche Freunde. 

Naina ist mit knapp zwei Jahren von Marokko nach Deutschland gezogen. Sie ging dort zur Schule und hatte nicht-muslimische Freunde, die im Elternhaus nicht wertgeschätzt wurden. Ansonsten wuchs sie islamisch-liberal auf. Ohne Kopftuch. Und sie durfte Bücher lesen. Sie sollte ihren zukünftigen Mann nicht langweilen, begründete ihr Vater. Was er nicht ahnte: Die Bücher sollten das Herz seiner Tochter für die Suche nach Gott öffnen, so dass sie sich langsam aus der Welt des Islam herausschälte. Als Jugendliche hatte sie bereits viele Stapel Bücher verschlungen, Novellen und Mini-Romane verfasst – und damit den Grund für ihre berufliche Zukunft als Drehbuchautorin gelegt.

Als Nicht-mehr-Muslimin suchte sie nach dem Gott, wusste aber nicht, wo sie ihn finden sollte. Sie suchte in Buddhismus, Hinduismus, im New Age, war vier Wochen bei einem Guru in Indien, aber überzeugt hat sie das nicht.  

Es waren zwei Erlebnisse, die sie ihr die Richtung ins neue Leben wiesen. Als Naina nach ihrem Medienmanagement-Studium ein Drehbuch für eine TV-Serie einreichte, schlug der Kunde einen katholischen Priester als Protagonisten vor. Im Dunkeln darüber tappend, was ein katholischer Priester genau sei, schaute sie sich zig Berufungsvideos an – bis sie feststellen musste, „dass Priester eigentlich cool sind“. 

Deren Lebensweise inspirierte sie. Sie verstand nicht, warum die Kirche nach außen mit Macht- und Missbrauchsthemen auftrete, wo sie doch unabhängig von Problemen wunderbare Ideale anzubieten habe; Werte, Liebe, Hingabe. Sie bewahrte die Begegnung mit diesen „krassen Menschen“ in ihrem Herzen – eine Erfahrung, die durch eine zweite getoppt werden sollte: Freunde luden sie zu einer katholischen Trauung ein. Endlich würden sie eine Kirche von innen sehen. 

Was sie erlebte, übertroff alle Erwartungen. „Ich war total geflasht“, berichtet Naina, „ich wusste nicht, wo ich hinschauen sollte, überall Figuren und Bilder.“ Für Naina war das geheimnisvoll und atemberaubend. „Die Kirche war gefüllt mit Liebe“, erinnert sie sich. Als ein Ave Maria gebetet wurde, war es komplett um sie geschehen.

Maria hatte sie schon lange fasziniert. In Indien gab es Marienfiguren als hinduistische Inkarnationen. Und im Islam wird sie zwar nicht als Muttergottes, aber dennoch als außerordentliche Frau und Mutter des „Propheten“ Jesus angesehen. Aber dieses Ave in der Kirche verband Naina auf besondere Weise mit Maria. Heute weiß sie: „Durch Maria habe ich Jesus kennengelernt.“ 

Danach ging es Schlag auf Schlag: Naina wollte tiefer ins Christentum einsteigen und entdeckte auf ihrer Suche einen Taufkurs. Sie fand es zu verrückt, diesen zu besuchen und ihrem zwar gläubigen, aber religionslosen Freund (und heutigen Ehemann) davon zu berichten. War auch nicht nötig. Er hatte dieselbe Idee: „Sollen wir nicht einen Taufkurs besuchen?“

Gesagt, getan. Ob sie sich taufen lassen würden, ließen sie offen. Wichtig war Naina nur, endlich Fragen stellen zu dürfen. Bis zum Kursbeginn studierte sie das Neue Testament. „Mein Herz brannte“, erzählt sie, was für eine große Aussage das sei: „Liebe Deinen Feind“. Sie bekommt feuchte Augen bei der Erinnerung an ihre erste Begegnung mit Jesus am Kreuz. Unter Tränen habe sie gesagt: „Jesus ist gerade für mich gestorben.“ Sie wagte nicht weiterlesen, aber ihr Freund, der den Ausgang des Evangeliums kannte, ermutigte sie – am Ende würde alles gut werden. Und so kam es, dass die Auferstehung Jesu endgültig ihr Herz öffnete: „Ich werde mich taufen lassen.“ Taufpaten wurden die Freunde, auf dessen Hochzeit sie die Kirche als geheimnisvollen Schatz entdeckt hatte.

Heute begreift Naina nicht, warum der Glaube vielen Christen so wenig bedeutet. Wenn sie ihren Glauben wirklich verstehen und offen darüber reden würden, hätte sie Jesus viel früher kennenlernen können. „Die Menschen sind nicht mehr angezündet.“ Über Macht und Missbrauch reden sei wichtig, „aber erzählen wir den Menschen auch, wie inspirierend der katholische Glaube wirklich ist“! Wenn wir Jesus mit in unseren Alltag nehmen, „sind uns Freude und Erfüllung sicher“, sagt Naina – und man sieht an ihren funkelnden Augen, dass sie genau weiß, wovon sie spricht. 

Dorothea Schmidt

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