Letzte Nachricht

Am vergangenen Freitag verstarb in Bonn der katholische Journalist Jürgen Liminski. Nicht nur in seinem Einsatz für die Familie war er eine wichtige Stimme gegen die Misstöne unserer Zeit. Aus Anlass seines Todes veröffentlichen wir diesen von ihm 1991 verfassten Beitrag, der nach wie vor aktuell ist.

Der Tod hat viele Gesichter, un­zählige. Genau genommen so viele, wie es Menschengibt. Er hat auch immer einen Namen, er gehört zur Biographie jedes Menschen, ist Teile seiner Identität. Dennoch bleibt er le­benslang ein Unbekannter, anonym, bis zum kurzen Augenblick, da er un­fassbar ins Dasein Tritt.

Jener kurze Augenblick, der Schritt ins andere Leben, der Sprung ins andere Sein, die Passage zur Ewigkeit – was ist nicht schon Tröst­liches darüber gesagt worden.

Und dennoch, der Eisenhauch der Fremde, die quälende Stille beim Sturz ins Bodenlose, es ist zu spüren, wenn er plötzlich im Raume steht.

In memoriam Jürgen Liminski (1. April 1950 -11. Juni 2021)

Dem Journalisten kann es vor­kommen, dass er diesem Unbekann­ten öfter begegnet. Auch persönlich.

Es war an einem Tag im August. Der Krieg im Libanon hatte schon tiefe Wunden in die handgearbeitete Seele dieser lebensfrohen Menschen geschnitten. Wir hatten Termine auf der anderen Seite der Brücke in Bei­rut. Vor der Auffahrt zur Brücke hat sich eine unruhige Menschenmenge versammelt. Ein Mann weist mit aus­gestreckter Hand auf das Dach eines mehrstöckigen Hauses. Von dort ist die Brücke mit ihren vier Fahrspuren in der ganzen Länge und Breite zu übersehen.

Syrische Heckenschützen, sagt er. Von der anderen Seite trifft ein Rad­fahrer ein.

Nichts regt sich. Über der Brücke flimmert die Luft. Boulos bekreuzigt sich. Dann fahren wir los. Ein zwei­ter Wagen folgt. Fast sind wir auf der Mitte der Brücke angelangt, da plat­zen drei Feuerstöße in die Stille.

Boulos beugt sich vor, gibt Gas. Ich kauere mich auf der Hinterbank zusammen. Links von uns taucht der zweite Wagen auf. Auf gleicher Höhe sucht er in unserem Schussschatten Deckung.

Wieder peitschen Schüsse auf. Und noch einmal. Zwei Schützen müssen es sein. Am klatschenden Aufschlag dicht hinter uns und im Kofferraum ist zu erkennen, dass sie Dumdum-Geschosse verwenden. Löwenkugeln nannte sie mein Begleiter. Denn sie reißen klaffende Wunden.

Im langen erlösenden Schatten der ersten Häuser halten wir an. Vor uns leere, einsame Straßen. Hinter uns im gleißenden Licht der Sonne die Brücke. Auf ihr fanden am selben Tag acht Menschen den Tod.

Wir hatten Glück und in einer na­hegelegenen Kirche Gelegenheit zu danken, dass diese Begegnung so flüchtig blieb.

Flüchtige Begegnungen mit dem Tod. Sie ordnen die Hierarchie der Werte neu. Der Knüller, die gro­ße Sensation, die Exklusivität, die Bombenstory – wie Eintagsfliegen am Abend huschen sie vorbei. Was bleibt, ist die Erinnerung an Men­schen, die der Tod zurückließ.

Die junge Frau des Journalisten und Freundes, der auf der letzten Reise noch dabei war und jetzt im Schützengraben liegen soll. Der Va­ter von Sonja, die auf der Flucht vor den Horden fanatisierter Muslims im Kugelregen zusammenbrach. Die Mutter, die ihren Sohn vermisst, seit in jenen Tagen so viele junge Chris­ten im Libanon entführt und ermor­det wurden, um Rachegefühle neu zu entfachen. Die Schwester, die hilflos zusehen musste, wie ihr Bruder von den herabstürzenden Steinquardern des zerbombten Elternhauses begra­ben wurde.

Sie erzählen von jenen Sekunden, da der Tod kam und nur noch Fotos zurückließ.

Krieg Katastrophen, Verkehrs­unfälle – viele Journalisten kennen die Gesichter des Todes, haben den flüchtigen Hauch dieses unbekann­ten und doch so oft gegenwärtigen Gefährten gespürt. Und viele ha­ben gelernt, mit ihm umzugehen. Die innere Distanz zum Elend, zum Schrecken, zur Hoffnungslosigkeit, sie garantiert eine halbwegs faire Be­richterstattung.

Objektivität gibt es nicht, wie schon der Vater der deutschen Pub­lizistikwissenschaft, Emil Dovifat schrieb. Dagegen gebe es eine „sub­jektive Wahrhaftigkeit“, das Bemü­hen des Journalisten um Fairness in seiner Darstellung der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, das Geschehen so darstellen, wie es sich zugetragen hat, auf eine verständliche und zu­gängliche Weise, das sei die Aufgabe des Journalisten.

Wahrheit ist ja, wie Josef Pieper sagt, nichts anderes als das Sich-Zei­gen von Wirklichkeit, zu der „Gott und die Welt und wir selber gehö­ren“:

Der Tod ist nur ein Element der Wirklichkeit. Auch seine Nähe ver­langt die innere Distanz.

Er ist nicht immer einfach, den inneren Raum freizuhalten von Emo­tionen. Die Endgültigkeit des Todes verlangt eine Antwort, auch vom Be­richterstatter, vom Vermittler seiner Nachricht. Es ist nicht das gleiche, ob ich von Schwangerschaftsabbruch spreche oder von der Tötung unge­borener Kinder. Und es macht einen ziemlichen Unterschied, ob ich von einer Schießerei erzähle mit mehre­ren Toten auf beiden Seiten oder von einem Überfall serbischer Soldaten auf ein kroatisches Dorf, bei dem neben etlichen Zivilisten auch einige Soldaten getötet wurden.

Man muss den Pessimismus Nietzsches nicht teilen, der sagte: Noch hundert Jahre Zeitungen und alle Worte stinken. Er kannte das Fernsehen nicht und auch fast 110 Jahre nach diesem Satz sind man­che Zeitungen mit Gewinn zu lesen. Aber recht hat er mit dem Hinweis. Der Missbrauch der Sprache ist eine Art geistige Umweltverschmutzung, er lässt ein Stück Menschlichkeit ab­sterben.

Viele schaffen es, den inneren Raum freizuhalten, indem sie beten. Andere versagen. Als die Raketen der Iraner auf das Hotel in Basra nie­dergingen, schrie der Kollege hilflos auf. Es konnte nicht viel passieren. Die Mauern des Hotels waren dick wie ein Bunker. Aber das Pfeifen und der donnernde Einschlag in unmittel­barer Nachbarschaft waren unheim­lich. Am nächsten Tag warteten wir auf den Bus für die Abreise. Plötzlich pfiff es durch die Hotelhalle. Alle gingen in Deckung, unter Tischen und Stühlen. Aber es war nur das Tonband des Kollegen, der die gan­ze Nacht durchwacht und dabei die Tonkulisse des Todes aufgenommen hatte.

Mehrere Häuser in der Umgebung waren zerstört. Der Ruf des Kollegen auch.

Eine der größten Versuchungen für Journalisten ist die Eitelkeit. Sie macht die innere Distanz zunichte. Sie zwängt die Wirklichkeit in die Perspektive persönlicher Ambitio­nen. Sie tötet den Journalisten, weil sie ihn der Wahrnehmungsfähigkeit beraubt.

Ähnlich die Ideologie, weil sie auf Gott, mithin den ursprünglichen Teil der Wirklichkeit verzichtet.

Gewiss, Journalisten sollten auch bei Todesnachrichten keine Predig­ten halten. Das Leben der Leser geht weiter. Aber es ist auch nicht verbo­ten, Gott an diesem Leben teilhaben zu lassen. In diesem Punkt darf und sollte – subjektive Wahrhaftigkeit – der Journalist je nach Medium und Klientel selbst entscheiden.

Auch der Tod wird zur Versu­chung – wenn man sich an ihn ge­wöhnt. Selbst ganze Völker können täglich mit ihm umgehen, dank der wendigen Formulierungskünste von Publizisten und Politikern. Beispiel Abtreibung.

Dieser tausendfache Tod wird the­matisiert, behandelt, parteipolitisch eingeordnet und aufgearbeitet, inst­rumentalisiert.

Es ist ein doppelter Tod. Nicht nur die Kinder sterben, auch die Mensch­lichkeit stirbt mit, wenn der Konsens über Tod und Leben schwindet, wennbewusst oder unbewusst zwischen Menschen und Personen unterschie­den wird, obwohl doch jeder Mensch zugleich auch Person ist und ihm da­her Würde zukommt. „Wo mensch­liches Leben existiert, kommt ihm Würde zu. Es ist nicht entscheidend, ob der Träger sich dieser Würde be­wusst ist und sie selber zu wahren weiß, so das Bundesverfassungsge­richt.

Ist das noch Konsens in Deutsch­land? Die in der Publizistik geführte Diskussion um „aktive Sterbehilfe, also die absichtliche Tötung oder auch um die Abtreibung, lässt daran zweifeln.

Tod und Journalismus – das klingt wie ein Piratenfluch. Und dennoch ist es Alltag. Denn der Tod gehört zur nahezu täglichen Materie dieses Berufs. Betroffenheit fürs Publikum und Zynismus unter Kollegen sind die zwei üblichen emotionalen Aus­drucksweisen, um mit diesem pro­fessionellen „Lebensgefährten“ um­zugehen.

Sie zeigen meist, wie fremd der Gefährte doch ist. Dabei ist gerade die Vergänglichkeit des Tuns, die der Tod so hart ins Gedächtnis ruft, auch immer eine Erinnerung an die rasche Vergänglichkeit der Nachricht.

Aber es gibt auch die Nüchternen. Für sie ist die Nachricht des Todes in der Tat ein Faktor des Lebens. Sie ändert Machtverhältnisse. Ist es eine Berufskrankheit, erst an die Folgen zu denken und dann für die Toten zu beten?

Der Tod hebt die Dimension von Zeit und Raum auf. Ich war erschüt­tert, als ich im südlichen Afrika von dem tödlichen Attentat auf einen Freund und Politiker erfuhr. Die Welt war auf einmal wie ein leeres Reihenhaus. Überall Leben, nur hier diese Stille. Er hätte so viel bewegen können. Warum gerade er?

Der Tod ist nicht nur eine letzte Nachricht. Er ist, zumal für Christen, auch ein Bote. Der Bote der letzten Hoffnung.

aus: „Die Zukunft unse­res Lebens – Antworten auf den Tod“, erschienen im damaligen Verlag Ursula Zöller
Bild: (c) Renate Gindert

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